Was heißt Soziale Gerechtigkeit heute?
Rede von Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer auf dem Strategiekongress von Bündnis 90/Die Grünen am 19.11.99 in Kassel
Liebe Freundinnen und Freunde,
die Frage, was soziale
Gerechtigkeit heute heißt, klingt schlichter als sie ist. Sie
beschäftigt die Menschen derzeit sehr, nicht zuletzt uns Bündnisgrüne.
Wir haben schon seit Jahren die Debatte um einen zukunftsfähigen Umbau
des Sozialstaates vorangetrieben. Um so mehr sind wir alle - je nach
Gemütszustand - überrascht bis fassungslos, dass die Politik der
rot-grünen Regierung in der öffentlichen Diskussion als sozial
ungerecht empfunden wird. Denn unser Anspruch war doch genau ein
anderer - schließlich wurde die Regierung Kohl vor allem deshalb
abgelöst, weil ihre Politik zunehmend als sozial ungerecht empfunden
wurde.
Viele hatten den Eindruck, dass sie immer mehr an
Beiträgen für den Sozialstaat entrichten, gleichzeitig jedoch immer
weniger an Leistungen bekommen. Besonders deutlich war dies im
Gesundheitsbereich, wo die Politik der wachsenden Zuzahlungen - sowohl
bei den Arzneimitteln als auch z.B. das Krankenhausnotopfer - den Unmut
weiter Teile der Bevölkerung hervorgerufen hat.
Die
Bundesregierung hat unmittelbar nach ihrem Regierungsantritt eine Reihe
von Maßnahmen unternommen, um diese Art von sozialer Schieflage
abzubauen. Wir haben die Zuzahlungen im Gesundheitsbereich wieder
reduziert, das Krankenhausnotopfer abgeschafft. Wir haben außerdem das
Kindergeld erhöht und eine steuerliche Entlastung vor allem kleiner und
mittlerer Einkommen vorgenommen. Wir haben Steuerschlupflöcher
gestopft, damit sich die Gutverdienenden nicht mehr ihren
Verpflichtungen entziehen können. Wir haben die Ökosteuer auf den Weg
gebracht und damit gleichzeitig die Beiträge zur Rentenversicherung
reduziert.
Wir haben also an vielen Punkten, die zur Kritik an
der Kohl-Regierung beigetragen haben, angesetzt und sie korrigiert.
Dennoch wird diese Politik nicht als sozial gerecht wahrgenommen. Ich
glaube nicht, dass es hier um die berühmt-berüchtigten
„Vermittlungsprobleme“ geht. Meiner Meinung nach liegt das Problem
wesentlich tiefer. Um den Ursachen für die Unzufriedenheit auf die Spur
zu kommen, müssen wir uns genauer mit der Frage auseinandersetzen, wie
sich die Debatte um die soziale Gerechtigkeit in den letzten Jahren
entwickelt hat.
Dies ist eine Voraussetzung dafür, dass wir ein
Leitbild von sozialer Gerechtigkeit aus bündnisgrüner Sicht entwerfen,
das uns Anhaltspunkte für eine weitere Entwicklung unserer
Sozialpolitik bietet. Ich denke, das führt uns weiter als reflexartig
auf die Kritik an unserer Politik mit symbolträchtigen Aktionen zu
reagieren, wie es die SPD in der derzeitigen Debatte um die
Vermögenssteuer oder Vermögensabgabe für „die Reichen“ tut.
Umverteilung - Quantität und Qualität
Es
ist paradox: Wir sind eines der reichsten Länder der Welt, wir
verteilen einen großen Teil unseres Sozialprodukts um, haben soziale
Sicherungssysteme, die in anderen Ländern ihresgleichen suchen - und
doch beschäftigt uns die stete Suche nach „sozialer Gerechtigkeit“, ist
die Klage, etwas sei nicht „sozial gerecht“ in aller Munde.
Das
ist ein Indiz dafür, dass die schiere Dimension der staatlich
organisierten Umverteilung noch nichts über die Qualität des
Sozialstaats aussagt. Im Gegenteil: Je komplexer die
Umverteilungsmechanismen geworden sind, umso mehr ist auch das
Unbehagen an ihnen gewachsen. Niemand vermag mehr zu sagen, wo er oder
sie in diesem System steht - Verlierer oder Gewinner, Zahler oder
Begünstigter, wie stark wird die eigene Solidarität gefordert oder ist
man auf die Solidarität anderer angewiesen? Diese Undurchschaubarkeit
begünstigt Debatten über vermeintlich ungerechtfertigte Bevorzugung
anderer und verleitet zur Flucht in alte Gerechtigkeitsdiskurse: Die
Reichen sollen mehr zahlen.
Nun ist es unbestreitbar richtig,
dass jeder Bürger entsprechend seiner Leistungsfähigkeit zum
Gemeinwesen beitragen soll. Das ist eine Grundvoraussetzung für eine
gerechte Umverteilungspolitik. Aber das ist eben nur die notwendige,
noch nicht die hinreichende Bedingung für einen guten Sozialstaat.
Ein
aktuelles Beispiel, wie sich Gerechtigkeitsdiskurse verselbständigen,
ist die von Verbänden und Zeitungen ins Leben gerufene Aktion zur
Rückforderung von Sozialversicherungsbeiträgen auf das Weihnachtsgeld.
Völlig ungeachtet der verfassungsrechtlichen Lage finde ich es
bemerkenswert, wie stark hier ein Gegensatz zwischen den Bürgerinnen
und Bürgern auf der einen und „dem Staat“, bei dem die Bürger das Geld
zurückfordern, auf der anderen Seite konstruiert wird. Dabei
verschwindet der Umstand, dass diese Beiträge zur Sozialversicherung
letztlich allen zugute kommen, völlig aus dem Bewußtsein. So wird
ausgeblendet, dass sie bei einer Rückzahlung den Sozialkassen schlicht
fehlen werden mit der zwangsläufigen Folge von Beitragssatzerhöhungen.
Über den Selbstbetrug hinaus haben wir es hier mit einem besonders
eindrücklichen Beispiel für die Entfremdung zwischen den
Sozialstaatsbürgern und „ihren“ Versicherungssystemen zu tun.
Gerade
in einem Sozialversicherungsstaat wie Deutschland betrifft das Gros der
Umverteilung breite Bevölkerungskreise. Das heißt, es geht um viel mehr
Regeln als nur die, dass Wohlhabende mehr geben sollen als
Geringverdienende, denn Geben und Nehmen ist vielschichtiger.
Mehr
noch: Der „gute Sozialstaat“ umfasst weit mehr als nur die materielle
Dimension von Umverteilung, er hat auch eine lebendige Seite: die
tätige Solidarität von beruflich und ehrenamtlich engagierten Menschen,
ohne deren Arbeit die Transfersysteme ins Leere liefen.
Meine
These ist, dass sich die komplexen Gerechtigkeitsfragen von heute an
einem alten System von Sozialstaat brechen. Die alten Institutionen
genügen nicht länger. Sie führen an verschiedenen Stellen - nicht
nachvollziehbar für den einzelnen - zu Über- und Unterversorgung.
Dies
ist meines Erachtens die tief sitzende Ursache für das häufig auch nur
intuitive Unbehagen am Sozialstaat. Dieses Unbehagen äußert sich in den
Klagen über mangelnde soziale Gerechtigkeit ebenso wie in den mal
nonchalanten, mal aggressiven Abgesängen auf jedwede staatlich
vermittelte soziale Sicherheit.
Wandel in der Gesellschaft
Die
gesellschaftliche Situation ist komplexer geworden. Zum einen ist diese
Gesellschaft viel dynamischer geworden. Zum anderen stellen viel mehr
und unterschiedliche Gruppen als früher berechtigte Ansprüche an den
Sozialstaat, die sich zum Teil widersprechen.
Das alte linke
Bild von „wir da unten“ und „ihr da oben“, in dem die Gesellschaft in
zwei soziale Großgruppen fällt, ist längst überholt. Die noch in den
80er Jahren in der Linken geäußerte Befürchtung, dass wir auf eine
Zwei-Drittel-Gesellschaft zulaufen, deren unteres Drittel dauerhaft
ausgegrenzt bleibt, hat sich nicht bewahrheitet. Dies bedeutet
einerseits, dass es Chancen gibt, aus der Armut wieder herauszufinden,
es bedeutet aber auch, dass die Er-fahrung von Armut und
Arbeitslosigkeit bis weit in die Mitte der Gesellschaft reicht.
Ein
anderer Punkt, der unser Land grundlegend verändert, ist der
demographische Wandel. Er führt nicht nur zu einer anderen
Zusammensetzung der Gesellschaft, mit den bekannten Auswirkungen auf
die sozialen Sicherungssysteme. Hinzu kommt, dass sich die Sichtweise
auf das gesamte Leben der Menschen verändert. Die alte Perspektive: in
der Jugend lernen, in der Mitte arbeiten, im Alter ausruhen gilt nicht
mehr. Lernen wird zu einem durchgängigen Faktor im Leben. Da das Alter
eine immer längere Lebenszeit in Anspruch nimmt, will auch diese Zeit
sinnvoll genutzt werden. Arbeit, wenn auch nicht immer Erwerbsarbeit,
und Lernen gehören auch im Alter dazu. Wenn das Alter zusehends zu
einem eigenständigen Lebensabschnitt wird, dann stellt sich - über die
finanziellen Probleme und die Aspekte der Generationengerechtigkeit
hinaus - die Frage, ob es wirklich klug ist, die Menschen immer früher
aus dem Erwerbsarbeitsprozess zu entlassen.
Auch die
Veränderungen im Geschlechterverhältnis prägen diese Gesellschaft.
Frauen haben sich erkämpft, dass ihre Beteiligung am Erwerbsleben
inzwischen selbstverständlich ist, auch wenn sie die oberen Etagen der
Macht noch nicht so erreicht haben, wie es angemessen wäre. Ein
Zurückverweisen der Frauen an Heim und Herd ist heute nicht einmal mehr
für Konservative als Leitbild vermittelbar.
Dennoch haben sich
die gesellschaftlichen Institutionen noch nicht ausreichend auf diese
Veränderungen eingestellt. Über den Erfolg beruflicher Karrieren wird
in der Zeit entschieden, in der für Frauen die Möglichkeit besteht,
Kinder zu bekommen, und Eltern besonders viel Zeit für ihre Kinder
brauchen. Eine Fülle von Anforderungen konzentrieren sich auf diese
kurze Phase des Lebens. In der Realität gibt es zwar bereits eine
Vielzahl unsteter Lebensverläufe, das gesellschaftliche Leitbild ist
jedoch immer noch die Leiter, auf der es Stück für Stück nach oben
geht, wobei Pausen oder Umwege nicht vorgesehen sind.
Die
Vielfalt unterschiedlicher Lebensformen hat zugenommen. Die klassische
Kleinfamilie ist nicht länger die zentrale Lebensform. Neue
Lebensgemeinschaften sind entstanden von der WG über homosexuelle
Partnerschaften bis hin zur Patch-Work-Familie. Gleichzeitig wächst vor
allem die Zahl der Single-Haushalte.
Auch hieraus ergeben sich
neue Fragen der Gerechtigkeit. Wenn die Zahl der Alleinerziehenden, die
sich und ihre Kinder durch eigenes Einkommen ernähren, wächst, dann
stellt sich zunehmend die Frage, ob die beitragsfreie Mitversicherung
von Ehefrauen in der GKV unabhängig von tatsächlicher Kindererziehung
wirklich noch als gerecht betrachtet werden kann.
Wir sind
außerdem ein Einwanderungsland, d.h. immer mehr Menschen anderer
Herkunft beanspruchen selbstverständlich einen Platz in dieser
Gesellschaft. Sie leisten ihren Beitrag und fordern ebenso Leistungen
ein. Auch diese Tatsache schlägt sich in den verschiedenen
Politikfeldern noch viel zu wenig nieder.
All diese Veränderungen führen dazu, dass das bisherige System sozialer Sicherung in Deutschland zunehmend in die Krise gerät.
Unser
Sozialstaat bisheriger Prägung beruht auf zwei Säulen. Zum einen auf
den Sozialversicherungssystemen, die vor allem in der Arbeitslosen- und
der Rentenversicherung sehr stark an der Erwerbsarbeit orientiert sind.
Ihnen liegt der Gedanke des männlichen Alleinverdieners zugrunde, der
sein Leben lang in Vollzeit erwerbstätig ist. Dieses System orientiert
sich stark am Leistungsgedanken. Daneben existieren jedoch immer schon
andere Systeme, die Benachteiligungen ausgleichen sollen, wie z.B. die
Sozialhilfe. Diese Systeme sind stärker am Bedarf orientiert und in der
Regel steuerfinanziert.
Beide Bereiche sozialer Absicherung sind
in der Krise. Die Arbeitslosigkeit führt dazu, dass die Einnahmen aus
Beiträgen aus der Erwerbsarbeit zurückgehen. Außerdem werden die
Sicherungssysteme den unsteten Lebensverläufen nicht gerecht. Die
Regelungen, die Benachteiligungen ausgleichen sollen, sind zu wenig
zielgenau und effizient angesichts der neuen vielfältigen und sich
immer wieder verändernden Lebenslagen. Sie knüpfen zum Teil an
Tatbeständen an, die sich gewandelt haben.
Und eines kommt noch
hinzu. Der einfache Ausweg, nämlich durch steigende Einnahmen manchen
etwas mehr zu geben, ohne jemandem etwas wegnehmen zu müssen, steht uns
nicht mehr zur Verfügung. Damit ist die Frage „Was ist gerecht?“ in
einer bis dahin nicht gekannten Schärfe auf die Tagesordnung gekommen.
In
einer Gesellschaft, in der ein ständig größer werdender Teil durch
Erbschaften relativ vermögend wird, werden neue Anfragen an
sozialstaatliche Verteilungsgerechtigkeit aufgeworfen.
Versicherungssysteme, die Leistungen ausschließlich nach durch
Beiträgen erworbenen Anwartschaften vergeben, stehen unter einem
bislang nicht gekannten Legitimationsdruck. Das gilt insbesondere für
Sachleistungssysteme, wie z.B. die Pflegeversicherung, die sich
plötzlich mit der - im deutschen Sozialstaat überraschenden - Frage
konfrontiert sehen, ob die gleiche Leistung für alle wirklich gerecht
ist, angesichts der höchst ungleichen Ausgangslage. Wenn für einen Teil
der Pflegebedürftigen die Leistungen unzureichend sind, dann wirft die
Versorgung der gut Gestellten die Frage auf, ob hier nicht vorwiegend
Erbschaften geschützt werden. Hier bricht sich die
Sozialversicherungslogik an einer deutlich veränderten materiellen
Realität.
Grüner Begriff sozialer Gerechtigkeit
Grüne
haben diese Veränderungsprozesse in der Gesellschaft schon lange
thematisiert. Unsere Vorschläge zur Rentenpolitik gehen von der
Prämisse aus, dass die frühere männliche Normalbiographie nicht mehr
als Grundlage taugt und dass deshalb neue Wege der Absicherung unsteter
Erwerbsbiographien gefunden werden müssen. Wir haben das Thema
Generationengerechtigkeit mit auf die Tagesordnung gesetzt und dies
nicht nur in der Rentenpolitik. „Wir haben die Erde nur von unseren
Kindern geborgt“. Dieses Motto aus den Anfängen der Grünen macht
deutlich, welch anderes Verständnis von Gesellschaft grüner Politik von
Anfang an zugrunde lag.
Ebenfalls aus den Anfängen der Grünen
stammt eine kritische Distanz gegenüber einem etatistischen und
paternalistischen Verständnis von sozialer Sicherung. Wir Grünen haben
in den 80er Jahren Selbsthilfe, Eigenverantwortung und Subsidiarität
auf die politische Tagesordnung gesetzt. Ich denke, wir dürfen für uns
in Anspruch nehmen, dass wir Pioniere in diesem Bereich gewesen sind.
Heute ist das bürgerschaftliche Engagement ein selbstverständlicher
Bestandteil sozialpolitischer Konzeptionen geworden. Wir werden jedoch
- nicht zuletzt wegen unserer „Patenschaft“ - auch immer darauf achten,
dass die Eigenarbeit und das Ehrenamt ihren angemessenen Platz finden,
ohne dass sie zu Ausfallbürgen für eine unzureichende kollektive
Sicherung werden.
Ein neuer grüner Begriff sozialer Gerechtigkeit muss auf die Vielfalt der gesellschaftlichen Änderungen umfassend reagieren.
Soziale
Gerechtigkeit kann nicht länger allein als Ausgleich zwischen oben und
unten begriffen werden. Sie muss auch die horizontale Gerechtigkeit
zwischen verschiedenen Gruppen umfassen. Es geht um Gerechtigkeit
zwischen den Geschlechtern, zwischen Alten und Jungen, zwischen Kranken
und Gesunden, zwischen Familien und Singles, zwischen Migranten und
hier Geborenen. Soziale Gerechtigkeit muss all diesen Gruppen ein Leben
in der Verschiedenheit ermöglichen und gleichzeitig dafür sorgen, dass
niemand ausgegrenzt wird. Sie muss allen Chancen auf Teilhabe an dieser
Gesellschaft bieten und die Rahmenbedingungen für die Aktivitäten des
einzelnen schaffen. Soziale Gerechtigkeit muss zur Kenntnis nehmen, was
bereits im Alltag an Solidarität und Umverteilung stattfindet, und
daran anknüpfen.
Erst vor dem Hintergrund eines solch komplexen Begriffs sozialer Gerechtigkeit lassen sich einzelne Maßnahmen vermitteln.
Lasst
es mich an einem Beispiel festmachen. Wir wollen, dass Kinder in dieser
Gesellschaft nicht länger ein Armutsrisiko sind, sondern ihren
angemessenen Platz bekommen. Im Rahmen einer Familienpolitik in diesem
Sinne sind 20 DM mehr Kindergeld ein wichtiger Schritt. Aber zu einer
vernünftigen Familienpolitik gehört noch mehr. Deshalb reicht es nicht,
auf die 20 DM zu verweisen, sondern es geht um die Frage, wie diese
Gesellschaft die Zukunft ihrer Kinder finanzieren will. Ist es Konsens,
dass alle solidarisch für Kinder aufkommen und nicht in erster Linie
die Eltern? Sollen Kinder unabhängig vom Einkommen ihrer Eltern
gefördert werden oder ist es gerechter, nur die bedürftigen Kinder zu
unterstützen?
Diese Diskussion müssen wir führen und da dies in
jedem Fall mehr Mittel für Kinder bedeutet, müssen wir auch darüber
reden, wo wir Mittel anderswo einsparen. Das heißt, wir müssen das
Thema mehr soziale Gerechtigkeit für Menschen mit Kindern mit der
Kritik an der steuerlichen Begünstigung der Hausfrauenehe durch das
Ehegattensplitting verknüpfen. Gerade wenn wir feststellen, dass die
gesellschaftliche Unterstützung der Kindererziehung noch unzureichend
ist, müssen wir bereit sein, alte Zöpfe aufzuknüpfen. Nicht die Ehe per
se muss steuerlich begünstigt werden, und schon gar nicht einsichtig
ist eine zunehmende Begünstigung mit steigendem Einkommen.
Und
zum Leben mit Kindern gehört auch mehr als nur Geld. Es gehört dazu
eine intakte Infrastruktur, dazu gehören Bedingungen für die Eltern,
Gelderwerb und Kindererziehung miteinander verbinden zu können, dazu
gehören Netzwerke in Nachbarschaft und Gemeinde. Dazu gehört auch die
Frage, ob eine Erhöhung des Kindergeldes, das an die Eltern gezahlt
wird, wirklich in allen Fällen den Kindern zugute kommt. Vielleicht war
es deshalb ein Irrtum, für die Erhöhung des Kindergelds, die wir seit
Regierungsantritt vorgenommen haben, Beifall zu erwarten, ohne die
ganze Diskussion um eine kindergerechte Gesellschaft zu führen.
Von
dieser Analyse ausgehend möchte ich im folgenden einige
Gerechtigkeitsfragen genauer diskutieren und daraus versuchen, einen
grünen Gerechtigkeitsbegriff entwickeln.
Armut bekämpfen
Die
Sozialpolitik der Zukunft muss die Gewichte der Absicherung
verschieben. Es geht in Zukunft stärker darum Armut zu bekämpfen und
die Wechselfälle des Lebens abzusichern statt - wie es bisher die
Hauptaufgabe des Sozialstaates war - in erster Linie den erreichten
Lebensstandard zu erhalten. Das derzeitige Sozialversicherungssystem
ist insofern ungerecht, als es denjenigen nicht ausreichend gerecht
wird, die auf andere Weise als durch Lohnarbeit durchaus wertvolle
Beiträge für den Erhalt und die Fortentwicklung der Gesellschaft
leisten. Wir Grünen führen schon lange eine Diskussion darüber, welcher
Leistungsbegriff unserem Sozialstaat zugrunde liegen soll.
Unbestreitbar hat es hier in den vergangenen Jahren Fortschritte
gegeben, auch andere gesellschaftlich wichtige Beiträge wie
Kindererziehung und Pflege werden inzwischen z.B. bei der Rente
berücksichtigt. Fraglich ist aber, ob dies schon hinreichend ist.
Das
System ist außerdem in seiner Finanzierung aufgrund des sinkenden
Erwerbsarbeitsvolumens gefährdet, und es führt dazu, dass
Statusunterschiede lediglich zementiert werden. Wir müssen also
verstärkt über Grund- und Mindestsicherungskonzepte nachdenken. Dabei
geht es nicht allein darum, materiellen Mangel zu kompensieren, sondern
in einem bürgerrechtlichen Sinn Bedürftige resp. Ausgegrenzte in die
Gesellschaft zu integrieren.
Gerade diejenigen, die immer mehr
Flexibilität und Aufbruch fordern, müssen zur Kenntnis nehmen, dass in
der Bevölkerung die Unsicherheit zunimmt. Je größer die Anforderungen
an die persönliche Risikobereitschaft und Veränderungsfähigkeit, umso
mehr wird Sicherheit zum zentralen Thema. Nur wenn sich die Menschen im
Ernstfall auf den Sozialstaat verlassen können, werden sie auch den Mut
haben, im Laufe ihres Lebens immer wieder neue Wege zu gehen. In diesem
Sinne ist es eine wohlverstandene Grundvoraussetzung für mehr
Flexibilität, dass die Grundversorgung gewährleistet wird.
Verschiedenheit ermöglichen statt Lebensläufe zu standardisieren
Die
Sozialpolitik der Zukunft muss Verschiedenheit ermöglichen statt
Lebensläufe zu standardisieren. Es ist eine schwer zu erfüllende
Bedingung, bestimmte Lebensformen und Lebensverläufe nicht einseitig zu
bevorzugen. Soziale Sicherung muss Übergänge zwischen unterschiedlichen
Lebenslagen abfedern. Sie muss darauf achten, dass alle Menschen in
allen Lebenssituationen möglichst viele Chancen zur selbständigen
Gestaltung ihres Lebens haben.
Ich will ein Beispiel nennen:
Heute lassen sich Menschen, die sich selbständig machen wollen, von
ihrem Arbeitgeber die Kündigung schicken, damit sie in der
Existenzgründungsphase Arbeitslosengeld beziehen können. Für mich
stellt sich hier nicht die Frage des Missbrauchs des sozialen
Sicherungssystems, sondern dieses Beispiel zeigt uns, dass wir auf
Veränderungen, die längst stattgefunden haben, reagieren müssen.
Ein
anderes Beispiel ist die Krankenversicherung für Studentinnen und
Studenten. Wer heute studiert, kann sich zu einem sehr günstigen Tarif
versichern. Wer sich jedoch im selben Alter oder jünger eine eigene
Existenz aufbaut, ist verpflichtet, einen Mindestbeitrag zur
gesetzlichen Krankenversicherung zu zahlen der um ein Vielfaches höher
liegt als der Studierendentarif. Auch dieses Beispiel zeigt, dass Dinge
die jahrelang richtig und selbstverständlich waren, plötzlich neue
Fragen der Gerechtigkeit aufwerfen.
Andere Beispiele, bei
denen wir erfahren mussten, dass unsere politischen Vorstellungen
offenbar ein Stück weit mit der Lebensrealität vieler Menschen
kollidieren, waren die Diskussionen um die 630 DM Jobs oder die Frage
der Scheinselbständigkeit. Wir mussten erfahren, dass Dinge, die wir
seit langem vertreten und für die wir im Wahlkampf auch viel Beifall
erhalten haben, auf Kritik stoßen, wenn sie in die Praxis umgesetzt
werden sollen. Offenbar gibt es bereits eine Vielzahl von Menschen, die
eine staatliche Absicherung ablehnen, weil ihnen das Vertrauen in die
gegenwärtigen Systeme vollständig fehlt. Ich finde nicht, dass wir dem
nachgeben sollten, wir müssen jedoch für die Zukunft daraus lernen.
Dies ist ein Beispiel für die Diskrepanz zwischen dem, was eine
Mehrheit allgemein für richtig hält und der individuellen Bereitschaft
sich auch tatsächlich entsprechend zu beteiligen. Ich halte es immer
noch richtig, dass wir diese Probleme angegangen sind. Aber was ich
auch gelernt habe, ist, dass es viel schwerer geworden ist, für
Solidarität zu werben und deutlich zu machen, dass sie nur
funktioniert, wenn alle sich beteiligen. Für die Politik ist es
schwieriger geworden, hier zu fairen Arrangements zu kommen.
Teilhabe fördern statt Ausgrenzung zu zementieren
Die
Sozialpolitik der Zukunft muss Teilhabe fördern statt Ausgrenzung zu
zementieren. Die Gesellschaft muss allen, die in ihr leben, die
gleichen Rechte einräumen. Gleiche Rechte heißt: gleiche Bürgerrechte.
Diese setzen jedoch voraus, dass mit ihnen auch Pflichten
korresponieren, sonst handelt es sich um einen Gnadenakt.
Deshalb
halte ich es für gerechtfertigt, von allen Mitbürgerinnen und
Mitbürgern im Rahmen ihrer Möglichkeiten Engagement für diese
Gesellschaft einzufordern, das unterschiedliche Formen annehmen kann.
Dazu gehört, dass alle erwachsenen Personen, die dazu in der Lage sind,
ihr Leben eigenverantwortlich - das heißt aus eigenem Einkommen -
gestalten. Dazu gehört auch, dass für all diejenigen, die dazu nicht
aus eigener Kraft in der Lage sind, anknüpfend an ihre Fähigkeiten
Unterstützungs- und Aktivierungsmaßnahmen vorhanden sind. Und viel
stärker als bislang muss Sozialpolitik im weitesten Sinne - zum
Beispiel auch verknüpft mit Weiterbildung - bereits ansetzen, solange
die Menschen selbst noch aktiv sind und nicht erst dann, wenn sie
bereits aus dem Zentrum der Gesellschaft ausgeschlossen sind.
In
der Regel wird die Frage der Gegenleistung im Zusammenhang mit
arbeitsfähigen Sozialhilfeempfängern diskutiert. Es ist ein Gebot des
Respekts vor den Menschen, um die es geht, und eine Frage der
Integration unserer Gesellschaft, dass Erwerbslosen neue Chancen
eröffnet werden und als Gegenleistung dafür von ihnen auch die
Bereitschaft erwartet wird, sie zu ergreifen.
Viele machen es
sich zu einfach, wenn sie in diesem Zusammenhang nur von Kürzungen der
Sozialhilfe sprechen oder Arbeitsanreize über das Transfersystem setzen
wollen. Es entspricht nicht der Realität, hier allein auf finanzielle
Anreize zu setzen. Wer einige Zeit aus dem Erwerbsarbeitsmarkt raus
war, hat es nicht nur wegen des Preises für seine Arbeitskraft schwer.
Viel wichtiger sind die Qualifikationen und die persönlichen
Voraussetzungen, die der einzelne mitbringt. Nur wenn es Angebote zur
Integration gibt, kann die Gegenleistung eingefordert werden. Wir
kommen hier nur weiter mit einer unterstützenden und aktivierenden
Politik, die Brücken schlägt.
Wenn es zutrifft, dass Bildung zum
zentralen Faktor im Leben aller Menschen wird, dann wirft dies auch
neue Fragen der Gerechtigkeit im Zugang zu Bildungschancen auf. Heute
ist die Erstausbildung einschließlich des Studiums kostenfrei, während
Weiterbildungsmaßnahmen in der Regel kostenpflichtig sind. Da fragen
sich diejenigen, die über ihre Steuern die Ausbildung von Akademikern
finanzieren, selbst jedoch für ihre eigene berufliche Weiterbildung
immer tiefer in die Tasche greifen müssen, ob hier noch die richtige
Balance besteht. Auch hier sind neue Antworten gefordert.
Ausgrenzung
verhindern heißt auch, kulturelle Pluralität zu akzeptieren. Wir leben
in einer vielfältigen Gesellschaft mit Menschen aus verschiedenen
Herkunftsländern. Die Reform des Staatsbürgerschaftsrechts war ein
wichtiger Schritt, der durch unsere eigenen Fehler zum Teil nicht als
solcher deutlich erkennbar war. Ihm müssen weitere Maßnahmen der
Integration folgen, wobei auch hier Integration nicht als Einbahnstraße
verstanden werden darf.
Einwanderungsgesellschaften haben das
Recht, die Zahl der Einwanderer zu steuern, sie haben jedoch die
Pflicht, für alle diejenigen, die hier leben, ein menschenwürdiges
Leben zu ermöglichen. Deshalb halte ich es für falsch, wenn z.B.
Asylbewerberinnen und Asylbewerbern nur Finanztransfers zugebilligt
werden, die noch unterhalb des bereits als soziales und kulturelles
Existenzminimum definierten Betrages liegen und ihnen zugleich jede
Möglichkeit, erwerbstätig zu sein, verweigert wird.
Der lebendige Sozialstaat
Der
Sozialstaat besteht nicht nur aus den großen sozialen
Sicherungssystemen und den professionellen Versorgungseinrichtungen.
Der Sozialstaat - das sind auch diejenigen, die Familienmitglieder
pflegen, die in einer Schuldnerberatungsstelle arbeiten oder sich in
einer Tafel für Wohnungslose engagieren.
Schließlich gilt, dass
nach wie vor die Kindererziehung, die Versorgung Pflegebedürftiger oder
auch die Unterstützung bei Krankheiten zum größten Teil durch Familien,
Nachbarschaften und andere kleine soziale Lebenskreise getragen werden.
Dabei besteht nach wie vor ein deutliches Ungleichgewicht im Engagement
zwischen Männern und Frauen, weshalb es seitens der Frauen eine große
Skepsis bezüglich des Themas ehrenamtliches Engagement gibt. Ich habe
großes Verständnis für diese Skepsis, möchte aber doch dafür plädieren,
die befürchteten Gefahren nicht zum Anlass für eine Ablehnung der Idee
der aktiven BürgerInnen-Gesellschaft zu nehmen. Denn dann würden wir
auch all dem Positiven nicht gerecht werden, das dieses Engagement für
die Einzelnen, aber auch für die Gesellschaft insgesamt bedeutet. Ohne
diese alltägliche Kultur des Helfens wäre unser soziales
Versorgungssystem längst an seine Grenzen gestoßen.
Die
öffentliche Debatte über das Verhältnis von Sozialstaat und
solidarischer Gesellschaft ist in Deutschland lange Zeit aus den
ideologischen Schützengräben heraus geführt worden: Die einen
denunzieren die Bürgerinnen und Bürger als verliebt in die soziale
Hängematte und beklagen, dass sie sich nicht um einander kümmern. Die
anderen fürchten, sobald eine Sozialpolitikerin von der Eigeninitiative
und dem Ehrenamt spricht, hier wolle sich „der Staat aus der
Verantwortung stehlen“.
In einem leistungsfähigen und
lebenswerten Sozialstaat muss beides zusammengedacht und eng
miteinander verbunden werden. Ich halte dies auch für eine politische
Frage, denn woher soll jemand, der in die Transfersysteme einbezahlen
soll, ein Verständnis von Solidarität entwickeln, wenn er nicht im
Alltag ganz konkrete Erfahrungen macht? Das alltägliche Engagement ist
also eine wichtige Voraussetzung für die Zustimmung zum Sozialstaat.
Deshalb
muss der Staat denjenigen, die sich vielfach unbezahlt engagieren,
entgegenkommen. Sie dürfen mit den Belastungen und Schwierigkeiten, die
mit ihrem Engagement verbunden sind, nicht alleine gelassen werden.
Hilfeleistungen in den Familien und das ehrenamtliche Engagement müssen
besser als bisher mit professionellen sozialen Diensten und
Einrichtungen verzahnt werden.
Ich komme noch einmal auf eine
weitere Gerechtigkeitsfrage zurück, die sich aus den Veränderungen in
der Gesellschaft ergibt. Eine Gesellschaft, in der die Hausfrauenehe
zur Ausnahme wird und in der immer mehr Menschen als Singles leben,
muss sich der Frage stellen, wie die persönliche Verantwortung z.B. für
Freunde, Verwandte, Nächste in Zukunft mit Erwerbsarbeit vereinbar ist.
Dabei geht es nicht nur um Geld, sondern auch um die Frage, wie
organisieren wir die Dienste in der Gesellschaft.
Für uns Grüne
ist diese „lebendige Seite“ des Sozialstaats - angefangen von der
Forderung nach Anerkennung der Familien- und Hausarbeit, bis hin zur
Unterstützung der Selbsthilfebewegung - immer ein Thema gewesen. Wir
haben hier wichtige Impulse gegeben. Dies entspricht auch unserer Art
zu denken, zu leben und uns selbst in der Gesellschaft zu engagieren.
Gesellschaftliche Solidarität und persönliches Engagement schließen
sich nicht aus, sondern bedingen sich gegenseitig. Dabei wussten wir
auch immer, dass alle, die sich engagieren, selbst etwas davon haben
für ihre eigene Persönlichkeitsentwicklung.
Wir kennen alle
viele Beispiele des Engagements wie die Arbeit im Treffpunkt für
Selbsthilfegruppen oder der Aufbau eines Vermittlungsbüros für
ehrenamtlich Tätige oder auch der regelmäßige Beitrag für ein
Stadtteilzentrum. Einen interessanten Ansatz bieten auch
Seniorengenossenschaften, in denen sich die „jungen“ Alten engagieren
und ihre unterschiedlichen Fähigkeiten zur Verfügung stellen.
Solche
Projekte sind in Zeiten gebeutelter öffentlicher Haushalte nicht
selbstverständlich, aber sie sind eine Investition in das Sozialkapital
und die Selbsthilfefähigkeit einer Gemeinde, die sich langfristig auch
„rechnet“.
Einfaches Steuersystem als Basis
Solidarität
drückt sich jedoch nicht nur im alltäglichen Handeln aus. Wir werden
auch in Zukunft nicht ohne die Umverteilung finanzieller Mittel
auskommen. Ein gerechtes Steuersystem ist die zentrale Voraussetzung
für die Zustimmung der Menschen zum Sozialstaat. Was die Menschen
erwarten, ist zum einen ein möglichst effizienter Einsatz der Mittel. -
Allerdings konnte ich in meiner Arbeit als Gesundheitsministerin in den
letzten Monaten erfahren, dass die Forderung nach dem Erschließen von
Effizienzreserven im System dann, wenn es konkret wird, rasch an
Unterstützung verliert... - Zum anderen brauchen wir ein gerechtes
Steuersystem, das den einzelnen nach der Leistungsfähigkeit besteuert
und möglichst wenig Steuerschlupflöcher bietet, mit deren Hilfe die
eigene Leistungsfähigkeit heruntergerechnet werden kann. Ich glaube,
dass gerade die undurchsichtige Steuer- und Abgabenpolitik eine der
wesentlichen Ursachen für die Diskussion um soziale Gerechtigkeit ist,
die wir derzeit führen. Es ist für den einzelnen längst nicht mehr
durchschaubar, wer von welchen Regelungen wie profitiert.
Mit
den bisherigen Beschlüssen zur Steuerreform hat die Bundesregierung
hier die Weichen richtig gestellt. Aber lasst mich auf eines hinweisen.
Steuerschlupflöcher sind nicht nur die berühmten Motoryachten und
sonstige Abschreibungsobjekte. Steuerliche Vergünstigungen sind z.B.
auch die Eigenheimförderung oder die Abschreibung von gekauften
Mietwohnungen. Wenn wir also weitere Steuerschlupflöcher schließen
wollen, geht es an Steuervorteile, die auch grüne Wählerinnen und
Wähler schätzen. Dies wird also nicht einfach, denn wir erklären damit
einer langen Tradition deutscher Politik den Kampf: Es geht um den
Abschied von der Vorstellung, alles für förderungswürdig Befundene über
das Steuersystem zu subventionieren. Dies macht die Dinge so
undurchschaubar. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir die
Zustimmung für Umverteilung viel eher erreichen, wenn die steuerliche
Belastung im Durchschnitt sinkt, und wir dann Unterstützung fordern,
wenn es um konkrete Projekte geht. Das Verfahren muss durchschaubar
sein. Wenn wir z.B. sagen, wir wollen im Bundeshaushalt die
Eigenheimförderung auf folgende Art und Weise neu gestalten, dann kann
man darüber diskutieren. Wenn wir dies auf indirektem Wege über
Steuerermäßigungen tun, dann wird das Verfahren undurchsichtig,
einzelne profitieren individuell und je nach Steuerprogression in
unterschiedlichem Ausmaß.
Öffentlich Punkte machen kann man
allerdings viel leichter mit der Forderung, hohe Privatvermögen in
Zukunft stärker zur Finanzierung staatlicher Aufgaben heranzuziehen.
Diese Forderung liegt nahe, denn die wirklich Reichen kennt ja niemand
von uns persönlich. Deshalb denkt man, hier wäre endlich ohne große
Probleme etwas zu holen.
Ich halte den Ansatz, hohe Vermögen
heranzuziehen, zwar prinzipiell für richtig, aber die Vermögenssteuer
für den falschen Weg. Gerade wenn es uns um Besteuerung nach
Leistungsfähigkeit geht, ist die Erbschaftssteuer viel naheliegender.
Denn dass Erben nichts mit persönlicher Leistung zu tun hat, ist
unmittelbar für jeden einsichtig. Dennoch werden wir auch hier noch
schwierige Diskussionen vor uns haben, auch in den eigenen Reihen...
Offenbar ist die Vorstellung, dass das eigene Vermögen möglichst ohne
Abstriche an die Nachkommen weitergegeben wird und diese quasi ein
Anrecht darauf haben, in dieser Gesellschaft sehr weit verbreitet.
Dennoch muss man sich fragen, mit Hilfe welcher gesellschaftlich
bereitgestellter Infrastruktur und mit welchen Steuervergünstigungen
dieses Vermögen erworben wurde und ob es nicht gerechtfertigt ist,
einen Teil davon an die Gesellschaft zurückzugeben.
Einen
Riesenfortschritt sehe ich in der Modernisierung des Stiftungsrechtes,
das die Anreize erhöht, privates Kapital für gemeinnützige Zwecke zur
Verfügung zu stellen. Mehr private Stiftungen lassen sich außerdem
verknüpfen mit neuen Formen für bürgerschaftliches Engagement.
Fazit
Die
einen werden sagen, ich war zu abstrakt und habe nicht genügend
deutlich gemacht, was sich konkret ändern soll. Die anderen werden
sagen, das war ihnen noch nicht theoretisch gesättigt genug. Sie werden
fragen, woran sie sich jetzt halten sollen. Beides stimmt, denn statt
griffige Formulierungen zu liefern, habe ich vor allem eine Vielzahl
von Fragen aufgeworfen.
Im übrigen bin ich mir jedoch sicher,
dass auch Euch beim Zuhören weitere Fragen zum Thema Gerechtigkeit
eingefallen sein werden, über die Ihr bereits nachgedacht habt.
Ich
glaube allerdings, dass diese Art zu fragen, wo muss man noch
differenzierter herangehen, nicht so trivial ist, wie sie auf den
ersten Blick scheint. Allein die Tatsache, dass der Begriff der
sozialen Gerechtigkeit in den letzten Jahren, wenn nicht Jahrzehnten,
auch verludert ist zu einem Kampfbegriff der Interessengruppen,
verpflichtet dazu, genau hinzusehen, was sich hinter dem Begriff
verbirgt. Das Etikett „sozial gerecht“ gibt sich leicht, aber wenn man
es dann abzieht und genauer hinschaut, dann tun sich oft Abgründe auf.
Um
es noch einmal auf den Punkt zu bringen. Es geht nicht länger alleine
um eine Umverteilung von oben nach unten, sondern darum, in einer
vielfältigen und dynamischen Gesellschaft Armut zu bekämpfen,
Verschiedenheit zu ermöglichen, Teilhabe für alle zu gewährleisten und
das soziale Engagement der Menschen zur Grundlage des Sozialstaates zu
machen.
Das bedeutet, dass wir es zu einer Leitlinie unserer
Politik machen müssen, immer mehr als eine Dimension der „gerechten
Politik“ zu beachten, das sollte mein Beispiel mit dem Kindergeld
zeigen. Diese Lehre sollten wir aus dem ersten Jahr unserer
Regierungsbeteiligung mitnehmen: dass Menschen nicht nur mehr Geld
wollen, sondern dass es um komplexere Ansprüche geht.
Für mich
ist ein Fazit, dass - wenn wir eine Gesellschaft mit einem hohen Maß an
sozialer Gerechtigkeit schaffen wollen - wir alles sein dürfen - nur
nicht Gralshüter des bestehenden Sozialstaates. Wir müssen vor allem
veränderungsbereit sein.
Ich bin mir sicher - dies sagen mir
meine persönlichen Erfahrungen, aber auch der Blick in mein näheres
Umfeld -, dass die Menschen zu Solidarität bereit sind und sie auch
praktizieren. Sie wollen dafür nur faire Bedingungen, sie wollen
wissen, was passiert. Sie wollen, dass man neue Fragen zulässt. Sie
wollen in ihrem veränderten Gerechtigkeitsempfinden ernst genommen
werden.
Ich finde, dass wir Bündnisgrünen genau dies können,
dass wir das Soziale neu begründen und uns diesen schwierigen Fragen
stellen können. Denn wir sind einfach noch zu jung, um als Gralshüter
des Sozialstaates zu taugen.
Wer wenn nicht wir, sollte diese
Gesellschaft dazu aufrufen, sich den Veränderungen anzupassen und dabei
ein gutes soziales Netz zu knüpfen, das tatsächlich dort hängt, wo die
Menschen sich befinden, das ihnen aber auch genug Platz gibt, ohne Netz
und doppelten Boden ihr eigenes Leben zu führen.
Andrea Fischer