"Heilen und Helfen gegen Ethik und Moral?"

Politische Konflikte um die Fortpflanzungsmedizin

Vortrag beim Kongress "Medizin und Gewissen" am 25.5.2001 in Erlangen

Je mehr sich die öffentlichen Kontroversen um die Zulässigkeit fortpflanzungsmedizinischer Verfahren und Forschung an Embryonen entzünden, umso stärker wird in der Debatte das Argument des Heilens bemüht. Mit Blick auf den Verlauf der britischen Diskussion ist zu erwarten, dass wir in dieser Hinsicht erst am Anfang der Entwicklung stehen, mithin das Gewicht des Ziels Heilung an Bedeutung gewinnen wird. Jeder, der für Grenzen von Forschung und Therapie plädiert, setzt sich dem Verdacht aus, die Belange der Kranken und der Behinderten nicht zu berücksichtigen, ihnen nicht das angemessene Mitgefühl entgegenzubringen. Ethik erscheint vor diesem Hintergrund als hartherzige Prinzipienreiterei, die über die Bedürfnisse der Betroffenen hinwegsieht und sich damit selbst wieder schuldig macht.
Nun wissen wir alle, wie machtvoll das Bedürfnis nach Heilung beim Kranken, die Angst vor Krankheit beim Gesunden ist, davon ist vermutlich niemand frei. Aber selbst wenn man diese Bedürfnisse als Konstanten menschlichen Befindens akzeptiert, folgt daraus ja nicht zwangsläufig, dass die Verfolgung dieser Bedürfnisse moralisch über allen anderen Erwägungen steht. Genau diesen Eindruck erweckt aber ein Teil des gegenwärtigen Diskurses um die Bioethik. Im folgenden möchte ich daher der Frage nachgehen, wie stark das Argument des Heilens und Helfens ist, mit welchem Recht die Ethik sich demgegenüber behaupten kann. Dies möchte ich zunächst am Beispiel der Präimplantationsdiagnostik und dann am Beispiel der Forschung unter Verbrauch von Embryonen tun.

"Es ist viel Platz diesseits des Rubikon" - warum reicht er nicht ?

Betrachtet man den Debattenverlauf der letzten Wochen, so wird sowohl von Seiten der Akteure als auch von Seiten der Beobachter die Konfrontationslinie immer stärker festgemacht an einem Pro und Kontra Gentechnik. Sicher, die politische Kontroverse braucht die Zuspitzung, aber diese ist so grandios falsch, dass schon ein genauerer Blick lohnt, warum hier falsche Gegensätze aufgemacht werden.
PID und Embryonenforschung sind randständige Bereiche in gentechnischer Forschung und Anwendung, aber sie werden von den Befürwortern (und auch vielfach in der öffentlichen Berichterstattung) zum Lackmustest für die grundsätzliche Frage "Wie hältst Du's mit der Gentechnik?" gemacht. Zwar gibt es auch Anhaltspunkte für die Behauptung, hier gehe es um grundsätzliche Gegnerschaft, und so mancher Text stellt das Wort 'Hoffnung' nur in den Zusammenhang mit dem Wort 'falsch'. Aber abwägend und vorsichtig mit einer zweifellos risikobehafteten neuen Technologie umzugehen, ist ja etwas anderes als Gegnerschaft. Für eine solche Gegnerschaft aber gibt es heute in der überwiegenden Zahl der Debattenbeiträge kein Indiz mehr. Man darf sicher voraussetzen, dass alle Beiträge aufmerksam verfolgt werden und Unkenntnis ausschließen - warum also könnte ein Interesse daran bestehen, diesen falschen Gegensatz aufzumachen. Andersherum gefragt: Warum wird wider besseres Wissen behauptet, wer die Forschung an Embryonen nicht wolle, verweigere Heilung, wer die PID nicht einführen wolle, sei nicht bereit zu helfen?
Die Zuspitzung verleiht dem Argument des Helfens und Heilens erst die Dramatik, die die Gegenposition ins Unrecht setzt. Damit verlagert sich auch die Verpflichtung zur Begründung auf diejenigen, die einen Status quo verteidigen, die auf bestehenden Grenzen beharren. Der "therapeutische Imperativ" (Andreas Kuhlmann) entfaltet seine ganze Überzeugungskraft im Angesicht der drohenden Alternative, dass eben nicht geholfen und geheilt wird. Die Befürworter der umstrittenen Verfahren sind nicht mehr ihrerseits unter Rechtfertigungsdruck, sondern setzen die "Bewahrer", "Bremser", "Fortschrittsfeinde" ins Unrecht.
Die Kritiker sind ihrerseits auch nicht immer zimperlich. Den Forschern wird unterstellt, sie handelten zunächst und vor allem aus eigennützigen, also karrieresüchtigen oder wirtschaftlichen Motiven. Den Menschen, die sich Nutzen versprechen, wird unterstellt, sie seien bereit, jeden Preis zu zahlen, sie wollten in Wirklichkeit nicht Krankheit besiegen, sondern Perfektion und Design. Das Heilen und Helfen verkommt in dieser Sichtweise zum reinen Hilfskonstrukt, mit dem die tatsächlich sinistren Motive verdeckt werden sollen.
Demgegenüber möchte ich hier für Abrüstung plädieren, indem wir uns auf eine gemeinsame Ausgangsposition verständigen, auf der dann die Differenzen ausgetragen werden. Wir streiten hier nicht über Wohl und Wehe der Gentechnik, sondern über einen randständigen Bereich der Anwendung und der Forschung. Alle, die die positiven Potentiale der Gentechnik nutzen wollen, sollten ein gemeinsames Interesse daran haben, die ethischen Fragen zu klären, sonst ist eines Tages aus Furcht vor den Exzessen die gesamte Forschungsrichtung wieder unter Verdacht und in der Gefahr, abgelehnt zu werden. Es geht um eine verantwortungsvolle Nutzung und alle, Skeptiker wie Befürworter, haben ein Interesse, die Heilungschancen zu nutzen.
Auf dieser Basis ist dann aber zu fragen, wie weit uns der Wunsch nach Heilung Richtschnur für die anstehenden schwierigen Entscheidungen sein kann. Im folgenden soll es darum gehen, den Wert "Heilung" auf seine Trennschärfe zu untersuchen, nach dem ihm zugrundeliegenden Verständnis zu fragen und zu diskutieren, wie er unsere Wertebestimmung beeinflussen kann und darf.

Präimplantationsdiagnostik

Hans Joas hat zutreffend beschrieben, wie sich die Problemstellung verschoben hat: "Wir machen die Erfahrung, dass durch den wissenschaftlichen Fortschritt der Bereich des ehedem Unverfügbaren immer weiter schrumpft. Viele Entscheidungen mussten in der Vergangenheit nicht getroffen werden, da die schlichte Möglichkeit dafür nicht bestand. Wenn aber die Möglichkeit - und der Zwang - zur Entscheidung gegeben ist, dann steht nicht mehr die Frage im Mittelpunkt, wie weiter Optionen gewonnen werden können, sondern ob es Grenzen der Verfügbarkeit geben soll. Es geht nicht darum, jede Grenze als Freiheitsbeschränkung zu interpretieren, sondern Grenzen zu ziehen und Unverfügbarkeit freiwillig zu respektieren."
Diese Forderung muss nicht nur einer Gesellschaft als Zumutung erscheinen, die sich daran gewöhnt hat, mittels technischer Neuerungen beständig Grenzen zu verschieben, sondern sie wird umso anspruchsvoller, als diese Grenzen längst verschwommen sind und jetzt zu einem späten Zeitpunkt noch einmal danach gefragt wird, ob wir doch wieder eine Schranke aufstellen sollen.
Im Zusammenhang mit dem jüngsten DFG-Papier hat Ernst-Ludwig Winnacker gesagt, dass der entscheidende Dammbruch die Einführung der künstlichen Befruchtung gewesen sei, die weitreichende neue ethische Abwägungen und Entscheidungen nach sich gezogen habe. Ihm ist nicht nur insofern zuzustimmen, als damit erstmals die Möglichkeit gegeben war, den Embryo von seiner Mutter zu trennen und zu einem eigenständigen Objekt von Diagnose, Therapie und Forschung zu machen. Sondern auch darin, als dies unsere Sicht auf die Fähigkeit, Kinder zu bekommen oder eben nicht zu bekommen, drastisch verändert hat.
Unfreiwillige Kinderlosigkeit wurde zu allen Zeiten als schweres Schicksal interpretiert und ebenso gab es auch in allen Gesellschaften Versuche, dieses Schicksal abzuwenden. Aber erst die erfolgreiche medizinische Behandlung eröffnete eine Perspektive, aus der die ungewollte Kinderlosigkeit als Krankheit definiert wurde. Diese Sicht setzte sich erst allmählich durch, parallel zur immer häufigeren Fertilitätsbehandlung. Dass dies dennoch keine Selbstverständlichkeit war, mag man daran ablesen, dass die Kostenübernahme bei Unfruchtbarkeit der einzige Punkt des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherung ist, der bei uns gesetzlich normiert ist und nicht durch den Bundesausschuss Ärzte/Krankenkassen aufgenommen wurde.
Kinderlosigkeit als Krankheit - das ist nicht nur finanziell folgenreich, sondern verändert natürlich auch die Rolle des Arztes. Er ist nicht mehr nur mit einem Wunsch konfrontiert, den zu erfüllen er sich entscheiden kann oder nicht, sondern mit einem Behandlungsauftrag gegenüber "Patienten". Die Fruchtbarkeitsbehandlung wird so zu einer ärztlichen Pflicht.
Ich erinnere an diesen Perspektivenwechsel, weil er uns auch in der Diskussion um die Präimplantationsdiagnostik begegnet. Hier geht es um einen weiteren Schritt, nämlich um die Erfüllung des Kinderwunsches bei Paaren, die mit einer hohen Wahrscheinlichkeit ein Kind mit einer schweren monogenetischen Krankheit bekommen werden.
Die Argumente der Befürworter des Verfahrens sind stark. Sie verweisen auf leidgeprüfte Eltern, die vielleicht schon ein schwer erkranktes Kind haben oder verloren haben und die sich so sehr ein gesundes Kind wünschen. Und sie verweisen darauf, dass die Alternative die pränatale Diagnostik sein wird, wonach der Embryo im Mutterleib auf mögliche Erkrankungen untersucht und gegebenenfalls abgetrieben wird. Und sie verweisen auf die Praxis im europäischen Ausland, so dass ein Verbot in Deutschland die betroffenen Eltern dorthin treiben wird.
Die Gegner weisen demgegenüber mit ebensoviel Berechtigung darauf hin, dass es hier um einen Einstieg in die Auswahl von Kindern nach Merkmalen geht. Sie prophezeien, dass es vermutlich kaum bei der ursprünglich angenommenen geringen Zahl von Fällen bleiben wird. Sie sehen eine Verletzung der Menschenwürde des verworfenen Embryos, aber auch eine Verletzung des Respekts vor den Menschen, die heute mit einer solchen Krankheit leben, die durch die PID ausgeschlossen werden soll. Sie warnen vor einer Entsolidarisierung mit Behinderten und Kranken.
Die Politik wird hier vor ein Dilemma gestellt, das aus früheren ethisch strittigen medizinischen Weiterentwicklungen bekannt ist: Das Verfahren wird entwickelt und erst danach die Frage gestellt, ob es zugelassen werden soll. Die normative Kraft des Faktischen bringt die Politik damit um eine gestalterische Position, sie lässt ihr nur das Reagieren.
Von Seiten der behandelnden Ärzte wird zurecht darauf verwiesen, dass es hier um eine konsequente Weiterführung der künstlichen Befruchtung handelt, sie wollen Menschen helfen, die ohne diese Hilfe womöglich kein Kind oder vielleicht ein schwer krankes Kind bekommen werden. Hier zeigt sich aber auch die Widersprüchlichkeit der Kategorie Heilen: Aus der Perspektive der Eltern kann der Arzt davon sprechen, dass er sie schützt vor den psychischen Folgen ungewollter Kinderlosigkeit, in diesem Sinne also präventiv behandelt. Aber was wird er dabei mit dem Embryo machen? Er wird ihn nicht heilen, sondern ihm entweder, wie es bei anderen künstlichen Befruchtungen üblich ist, die Entwicklung ermöglichen durch Einsetzen in die Gebärmutter, oder er wird ihn töten. Welche Perspektive sollen wir in unserem Wunsch nach Heilen einnehmen, die der künftigen Eltern oder die des Kindes?
Vielleicht sollten wir nicht nur die Fragen danach stellen, was der letzte technische Stand der Reproduktionsmedizin verlangt, sondern einen grö¤eren Bereich betrachten. Denn meines Erachtens fordert nicht erst die PID eine gesellschaftliche Auseinandersetzung, sondern es ist an der Zeit, eine Entwicklung kritisch in Augenschein zu nehmen, die in der PID ihren vorläufigen Kulminationspunkt hat. Die Befürworter der PID führen die Alternative der pränatalen Diagnostik ins Feld, um die PID als die gegenüber der Mutter humanere Vorgehensweise zu begründen, da sie ihr gegebenenfalls eine Abtreibung erspare. Ich halte demgegenüber eine kritische Revision der Praxis der PND für geboten. Ein Verfahren, ursprünglich gedacht zur Anwendung in bestimmten, indizierten Fällen, hat sich im Verlauf von knapp zwei Jahrzehnten zum Screening-Verfahren entwickelt, also zu einer weitgehend indikationsunabhängigen Untersuchungsmethode. Parallel dazu ist die Vermeidbarkeit einer Behinderung zu einem weithin gesellschaftlich akzeptierten Grund für einen Schwangerschaftsabbruch geworden. Die davon ausgehende ständige Kränkung für Menschen, die mit einer Behinderung leben, haben wir dabei ebenso unkritisch hingenommen wie die immer grö§ere Belastung der werdenden Mütter mit den Entscheidungen über Leben und Tod, die sie infolge der verfeinerten Untersuchungsmethoden treffen müssen.
Statt diese Praxis, die sich von der Öffentlichkeit weitgehend unbeobachtet und undiskutiert entwickelt hat, einer kritischen Reflexion zu unterziehen und zu überlegen, ob Kurskorrekturen sinnvoll sein könnten, wird sie nun als Argument für die PID ins Feld geführt, die den Eltern die Konflikte, die durch die Verfahren erst geschaffen wurden, wieder erleichtern soll.
Aus dieser Beobachtung folgt nicht, das Rad einfach zwanzig, dreißig Jahre zurückzudrehen. Große Fortschritte wurden in diesen Jahren für die Gesundheit der Neugeborenen ebenso wie die ihrer Mütter erreicht. Aber der Blick zurück sollte uns lehren, medizinische Entwicklungen nicht nur an statistischen Indikatoren und technischen Neuerungen zu messen, sondern sie einem ständigen Prozess der kritischen Reflexion zu unterziehen, und nicht erst zu warten, bis sie einer neuen, dramatischen Entscheidung zutreiben.
Die Forderung nach Zulassung der PID geht von der Prämisse aus, dass bestimmte Behinderungen den Eltern nicht zumutbar sind. Richtiger muss man wohl sagen, dass die Frage gestellt wird, was traue ich mir zu und was nicht. Unbestreitbar wird in bestimmten schweren Fällen ein Leben mit einem behinderten Kind sehr schwierig werden. Und dann folgt daraus die Frage, ob es nicht möglich sein kann, dieses Verfahren für solche besonders schweren Fälle zuzulassen, ohne damit einer Entwicklung wie bei der pränatalen Diagnostik Vorschub zu leisten. Bislang ist es noch keinem Befürworter des Verfahrens gelungen, überzeugend darzulegen, dass es eine Ausnahme bleiben wird. In diese Überlegungen einbezogen werden muss aber auch die Anfrage, um welchen Preis ein Wunsch nach einem gesunden Kind zu rechtfertigen ist.
Über der Erörterung einzelner Fälle wird leicht übersehen, was das eigentliche Problem ist: Seit es um die PID geht, wird die öffentliche Diskussion um das Leben von und mit behinderten Kindern auf dessen Vermeidbarkeit enggeführt. Natürlich wird die Zukunft schwierig und anders sein für Eltern mit einem behinderten Kind. Aber wir alle miteinander haben doch Einfluss darauf, wie groß diese Schwierigkeiten sind. Wir können doch etwas dafür tun, dass Eltern den Mut fassen, ihr Kind auch mit einer Behinderung anzunehmen. Warum wird auf diese Fragen nicht genauso viel Mühe und Anstrengung verwandt wie auf die Forderung nach Einführung der PID?
Zweifellos ist es eine gro¤e Anmutung, von Betroffenen zu verlangen, ihren Wunsch aus ethischen Gründen nicht zu verfolgen und auf die gesellschaftlichen Folgen ihres Handelns zu achten. Gerade wenn solch existenzielle Fragen wie Gesundheit und Krankheit berührt sind, erscheint dies zuviel verlangt. Aber individuell gut verständliche Handlungen könne hinter dem Rücken der Handelnden etwas verändern, das auch nicht in ihrem eigenen Sinne sein kann. Trotz aller medizinischen Fortschritte werden Krankheit und Behinderung auch weiter zu unserem Leben gehören, deshalb ist die Einstellung unserer Gesellschaft dazu für uns alle von existenzieller Bedeutung.

Verbrauchende Embryonenforschung

Neuere Entwicklungen in der Biomedizin haben Erkenntnisse über embryonale Stammzellen hervorgebracht, die zu vielfältigen Hoffnungen berechtigen. So erwarten die Forscher von den sog. "Alleskönnern" embryonale Stammzellen, dass sich aus ihnen durch gentechnische Eingriffe gesunde Zellen und Organe für Kranke entwickeln lassen.
Die Stammzellen, die programmiert werden für den Ersatz erkrankter Zellen, sind ethisch nicht der Streitpunkt, weil es sich bei ihnen um pluripotente Zellen handelt, aus denen kein menschliches Lebewesen mehr entstehen kann. Ein Problem entsteht daraus, dass für die Gewinnung dieser Zellen Embryonen notwendig sind. Theoretisch besteht zwar die Möglichkeit, sie aus dem Gewebe von abgetriebenen Embryonen zu gewinnen, was aber von Seiten der Forscher als qualitativ schlechteres Verfahren angesehen wird. So geht es darum, embryonale Stammzellen eigens für die Forschung zu gewinnen. Entweder sollen Embryonen verwandt werden, die bei der künstlichen Befruchtung übrig geblieben sind, oder sie sollen eigens hergestellt werden - dabei handelt es sich um das sog. Therapeutische Klonen. Man entnimmt dem Spender eine Zelle, transportiert sie in eine entkernte menschliche Eizelle und stimuliert dieses Gewebe zum Wachstum. Aus dem so geschaffenen geklonten Embryo entnimmt man die Stammzellen, die man dann zur Therapie der Krankheit verwenden will. Dieser Akt der Entnahme von Stammzellen wird den Embryo töten.
Und darin liegt der ethische Sprengsatz für die Forschung: Dieser Weg der Gewinnung von embryonalen Stammzellen durch das Klonierungsverfahren bedeutet, dass erstmals menschliches Leben gezielt und eigens zu seiner Vernichtung gezüchtet würde (ein Problem, das im übrigen bei der PID ebenso auftritt). Damit würde menschliches Leben zu einem Rohstoff degradiert.
Es liegt auf der Hand, dass dieser Umstand unser Selbstbild und unser Verständnis von den Regeln menschlichen Zusammenlebens vor eine gro¤e Herausforderung stellt. Es ist daher nicht nur nachvollziehbar, sondern unbedingt notwendig, dass es darüber eine gründliche Debatte gibt. Sie hat sich konzentriert auf die Frage, welchen Status wir dem menschlichen Embryo in seinem frühesten Stadium zuerkennen wollen.
Gemeinhin wird die Verschmelzung von Eizelle und Samen als der Beginn menschlichen Lebens angesehen. Die Forschung der letzten Jahrzehnte hat aber differenzierte Kenntnisse über den weiteren Fortgang der Entwicklung des Embryos ermöglicht, so dass es aus biologischer Sicht auch Argumente gibt, dass zum Beispiel erst am dreizehnten Tag dieser Entwicklung ein einzigartiges menschliches Wesen entstanden ist. Aber gerade weil die embryonale Entwicklung ein kontinuierlicher Prozess ist, lässt sich diese Frage nicht letztgültig eindeutig beantworten. Die Biologie hilft uns also nicht weiter, zumal sich ihre Erkenntnisse stetig verändern. Ich stimme daher Regine Kollek zu, die zu dem Ergebnis kommt: "Selbst dort, wo Biologinnen und Biologen sich einig sind und Phänomene als unbezweifelbare Tatsachen angesehen werden, können diese in normativer Hinsicht unterschiedlich interpretiert und bewertet werden. Die entscheidende Frage ist also nicht: 'Welchen moralischen Status hat der menschliche Embryo?', sondern: 'Welchen moralischen Status soll der menschliche Embryo haben?' und 'Welchen Status schreibt die Gesellschaft dem menschlichen Embryo zu?'
Diese Frage müssen wir uns überhaupt nur stellen, weil vor rund zwanzig Jahren die oben bereits zitierte Entwicklung begonnen hat, dass wir den Embryo von seiner Mutter trennen können. Und wenn er sich dann noch als scheinbar unerschöpfliche Ressource erweist, wird die Versuchung groß, diesen Status unter instrumentellen Gesichtspunkten zu definieren.
Mich haben die Versuche in der Debatte der vergangenen Monate wenig überzeugt, anhand verschiedener Kriterien dem Embryo in einem frühen Entwicklungsstadium einen minderen Status der Menschenwürde und damit auch der Schutzbedürftigkeit zuzugestehen. Zu offenkundig trat dahinter die Absicht hervor, die Nutzung dieses frühen menschlichen Lebens zu Zwecken, die nicht seinem eigenen Wohl dienen, moralisch zu exkulpieren. Die Schutzwürdigkeit eines Embryos an das Vorhanden- resp. Nicht-Vorhandensein von bestimmten Eigenschaften zu binden, hat meines Erachtens zurecht in der Öffentlichkeit scharfe Kritik hervorgerufen. Diese Kritik machte sich nicht zuletzt an der Sorge fest, ein einmal so eingeschlagener Weg könne auf lange Sicht dazu führen, dass mit Verweis auf Fähigkeiten, die noch nicht oder nicht mehr vorhanden sind, weiteren Personengruppen das Recht auf Lebensschutz abgesprochen wird.
Wer die Forschung an oder unter Verwendung von Embryonen will, muss sich dazu bekennen, dass er dafür menschliches Leben vernichten wird. Die Frage, ob das zulässig ist, wird gesellschaftlich verhandelt. Vollkommen fremd ist es unserer Moral und auch unserer Rechtsordnung nicht, zwei hohe Rechtsgüter gegeneinander abzuwägen, also auch Leben gegen Leben zu stellen. Für den Bereich der Embryonenforschung wird dies aber sehr schwer zu begründen sein. Denn es handelt sich definitiv um fremdnützige Forschung, die nicht im Interesse des Embryos liegt. Und ob ein allgemeines Heilsversprechen diesen Eingriff rechtfertigen mag, muss stark bezweifelt werden.
Die starke Restriktion, die in einer solchen Position liegt, mag aus der Perspektive des Forschens und Heilens als zu viel verlangt erscheinen. Aber gerade wenn das auch von Forschungsseite immer wieder betonte Interesse an der Verhinderung von Missbrauch und stattdessen verantwortungsbewusstem Umgang mit den neuen wissenschaftlichen Möglichkeiten ernst genommen wird, dann ist es geboten, eine sehr hohe Hürde für einen derart schwerwiegenden Eingriff in das Lebensrecht aufzustellen.
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat lange mit Verweis auf die immer vielversprechenderen Möglichkeiten der - ethisch unproblematischen - Verwendung von adulten Stammzellen vorgeschlagen, vorerst auf eine Änderung des Embryonenschutzgesetzes zu verzichten, die die Verwendung embryonaler Stammzellen zuließe. Der Präsident der DFG, Ernst-Ludwig Winnacker, hat diese Position mit folgendem Argument verteidigt: "Es gibt Situationen, in denen die Wissenschaft nicht nur als Anwalt ihrer selbst, sondern als Anwalt des Ganzen, als Anwalt der Gesellschaft, aufzutreten hat, auch auf die Gefahr hin, dass sich Teilgebiete der Wissenschaft dabei zeitweise benachteiligt fühlen müssen." Erst wenn sich eindeutig erwiesen habe, dass die Erwartungen an die adulten Stammzellen nicht erfüllt werden können, müsse neu diskutiert werden.
Dieser Fall ist aus seiner Sicht offenbar eingetreten, denn wie bekannt hat die DFG Anfang Mai diese Haltung geändert und plädiert nun für die Verwendung von Stammzellen, die aus Embryonen gewonnen werden, die in künstlicher Befruchtung gewonnen, aber nicht der Mutter eingesetzt wurden. Wegen der sehr strengen Regeln des deutschen Embryonenschutzgesetzes ist dies ein seltener Fall, so dass es nur eine geringe Zahl solcher Embryonen in Deutschland geben dürfte. Diese Stammzellen sollen verwendet werden für die "Parallelforschung", also um das Verständnis für die Funktionsweise der adulten Stammzellen zu erhöhen.
Winnacker begründet seinen Sinneswandel mit dem state of the art, wonach zwar die Arbeiten zu den erwachsenen Stammzellen immer vielversprechender würden, die zu den embryonalen aber auch: "Das ganze Spektrum der Möglichkeiten tut sich auf und wir kommen nun zu dem Schluss, dass man auf ein Ende des Spektrums eben nicht verzichten sollte." In Gesprächen und Interviews hat er immer wieder darauf hingewiesen, dass man das Potential, das von dieser Grundlagenforschung eines Tages für die Heilung ausgehen könne, nicht ungenutzt lassen dürfe.
Da sind wir wieder bei unserem "therapeutischen Imperativ": Wir dürfen die Menschen nicht um ihre mögliche Heilung bringen, so dass es sogar ethisch geboten erscheint, diesen Weg auch unter Inkaufnahme des Verbrauchs von Embryonen zu gehen.
Ich betone noch einmal ausdrücklich, dass dies ein gewichtiges Argument ist und niemandem kann der Wunsch Schwerkranker nach Heilung gleichgültig sein. Aber hilft es uns bei der Entscheidungsfindung und der Grenzsetzung? Die DFG betont, sie wolle nur die überzähligen Embryonen verwenden, die ohnehin vorhanden und zum Absterben verdammt seien. Aber wenn Heilung das entscheidende Argument ist, warum dann nicht auch die Herstellung von Embryonen, um aus ihnen Stammzelllinien zu gewinnen? Warum dann auf das therapeutische Klonen verzichten? Und kann für das reproduktive Klonen dann nicht auch eines Tages ins Feld geführt werden, die sei notwendig um Paare von ihrem Leiden daran zu heilen, dass sie kein genetisch eigenes Kind bekommen können?
Also auch wenn wir die Prämisse Heilen akzeptieren, haben wir damit noch keinen letztgültigen Maßstab gefunden, um unsere ethischen Entscheidungen zu treffen. Aber wenn wir den Schritt gehen, erstmals menschliches Leben zu fremden Zwecken zu nutzen, werden wir auch nur schwerlich Maßstäbe finden können, hier Beschränkungen einzuführen. Das ist doch gerade eine Erfahrung der biopolitischen Debatte der letzten zwanzig Jahre: Jeder neue Schritt, der als der letzte deklariert wurde, mutierte nach hinreichender Gewöhnung zur Legitimation des nächsten Schrittes. Nein, wir haben es hier gerade nicht mit Dammbrüchen zu tun, sondern mit einer allmählichen Verschiebung des Deiches, bis er im Meer aufgeht.

Moralische Positionen in der pluralistischen Gesellschaft

Die Diskussion um diese "letzten Fragen" hat in jüngster Zeit eine Öffentlichkeit erreicht, die angesichts der Komplexität des Gegenstands erstaunlich ist. Sie hat die Expertenkreise längst verlassen und treibt viele Menschen um. Bedenkt man, um welch einen kleinen Bereich der gentechnischen Entwicklung hier erbittert gerungen wird, mag das zunächst erstaunen. Ich erkläre mir das damit, dass es ein gro§es Bedürfnis danach gibt, gerade im Angesicht der vielfältigen Veränderungen in der Medizin und der Forschung, die unser Selbstbild, unser Verständnis von unseren Körpern und unseren Seelen berühren, nach einer neuen Selbstverständigung unserer Gesellschaft zu suchen. Viele Menschen sind in ihrem Alltag konfrontiert mit Grenzerfahrungen: mit dem schwerkranken Angehörigen, über dessen Weiterbehandlung zu entscheiden ist, mit dem jungen Paar, das eine Entscheidung über die Abtreibung eines behinderten Kindes zu treffen hat, mit den alten Verwandten, angesichts deren Leiden sich die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt.
Der Wunsch nach Heilung und Hilfe ist uns in solchen Situationen immer der unmittelbarste - und zugleich konfrontieren sie uns mit der schmerzlichen Erkenntnis, dass nur schwer zu entscheiden ist, wie diesem Wunsch am besten gedient ist. Die große Zustimmung zur aktiven Sterbehilfe in der Bevölkerung sehe ich hier als Indikator für die tiefe Verunsicherung, in die uns die Erfolge der modernen Medizin in Grenzsituationen stürzen. So wäre vielleicht fürs erste zu lernen, dass das Konzept Heilen und Helfen selber diskussionswürdig ist: Wie sieht Heilung für einen Chroniker, für einen Alzheimerpatienten, für einen Behinderten aus? Selbst größte Euphoriker der gentechnischen Forschung versprechen uns nicht die Heilung im biblischen Sinne, wonach der Blinde sehend, der Lahme gehend wird. Also werden wir nach dem guten Leben suchen müssen auch unter widrigen gesundheitlichen Umständen.
Selbstverständlich werden wir es dabei mit unterschiedlichen Moralvorstellungen zu tun bekommen und wir werden alle immer wieder in Konfliktsituationen kommen, in denen wir an unseren eigenen Maßstäben irre werden könnten. Selbstverständlich werden in einer pluralistischen Gesellschaft auch Kompromisse gefunden werden, die schmerzlich sind. Aber wer von vornherein mit Blick darauf auf grundlegende ethische Maßstäbe zu verzichten können meint, der wird auch keinen Beitrag für einen Gesellschaftsvertrag leisten können, der für die neuen Herausforderungen der biotechnischen Revolution eine tragfähige Grundlage ist.

Andrea Fischer, MdB