Right or Wrong - My Country!

Rede zu Deutschland, Leitkultur und Nationalstolz

Über mein Verhältnis zu Deutschland soll ich sprechen – das mache ich so selten, dass ich schon Schwierigkeiten hatte, dafür eine Überschrift zu finden. Warum ich diesen Satz "Right or wrong, my country" im Kopf hatte, kann ich bis heute nicht sagen. Aber er erschien mir schillernd genug, dass ich daran etwas über mich und mein Land sagen kann.

Sicherheitshalber habe ich dann aber doch recherchiert, woher der Satz eigentlich kommt. Das Zitat lautet vollständig:

"In matters of foreign affairs, my country may she ever be right, but right or wrong, my country, my country!"
Diesen Toast brachte Stephen Decatur, amerikanischer Marineoffizier griechischer Herkunft, nach dem Sieg in Tripolis-Krieg 1805 aus. Die Amerikaner hatten diesen Sieg mit einigen tollkühnen Aktionen und einer Menge Glück errungen, umso zorniger war die Marine, als der amerikanische Präsident Jefferson nach dem Sieg das Angebot der unterlegenen Türken akzeptierte, den Status quo ante wiederherzustellen. Während andere Offiziere den Dienst quittierten, wollte Decatur mit seinem Toast die übergeordnete zivile Autorität über das Militär anerkennen, der politischen Lösung seine Referenz erweisen.

Im weiteren Verlauf der Recherche stieß ich darauf, dass dieser Satz in der Tat eine höchst kontroverse Aufnahme gefunden hat. Besonders heiter finde ich die Kritik von G.K. Chesterton, der verächtlich meinte, das sei kein anständiger Patriotismus, das sei in etwa so als sage man "My mother, drunk or sober".

Offenbar diskutieren doch auch Menschen anderer Nationalität darüber, wie Patriotismus zu verstehen ist. Wie viel Loyalität darf mein Land von mir verlangen, wie sieht wohlverstandene Vaterlandsliebe aus, wie viel Kritik gehört dazu? Ich möchte mit einigen persönlichen Anmerkungen zu meiner komplizierten Geschichte mit Deutschland beginnen, Veränderungen darstellen und mich schließlich mit den aktuellen Auseinandersetzungen beschäftigen.


Eine kleine linke Geschichte zwischen 68ern und Generation Golf

Als Jugendliche, in den siebziger Jahren, habe ich mich mit großem Engagement mit der deutschen Geschichte des Nationalsozialismus beschäftigt. Ich war persönlich stark davon berührt. Im Elternhaus habe ich eine eindeutige Haltung zur nationalsozialistischen Geschichte mitbekommen. Mein Vater legte allerdings immer Wert auf die Feststellung, dass seine und seiner Familie Verweigerung gegenüber dem Faschismus vor allem dem Umstand zu verdanken war, dass die Katholiken von den Nazis so schlecht behandelt wurden und es daher zu einer so selbstverständlichen Abwehr dessen kam, dass er sie sich nicht als persönliches Verdienst zurechnen mochte. Aber selbst zuhause erlebte ich die Schwierigkeiten, mit der Vergangenheit umzugehen – über die Gefährdung der beiden Brüder meines Vaters als geistig Behinderte erfuhr ich bestenfalls anekdotisch und bruchstückhaft.

So habe ich ernsthaft versucht zu verstehen, was mit Deutschland unter den Nazis geschehen war. Gerade meine starke persönliche Verwicklung führte dazu, dass ich auf ein Land mit einer solch furchtbaren Geschichte nicht nur nicht stolz sein konnte, ja dass ich dafür sogar eher schämte.
Mit 18, auf der Reise nach dem Abitur, kam ich in Paris mit einem alten Mann im Cafe ins Gespräch. Ohne Zögern begann er, mir Geschichten zu erzählen, wie man die deutschen Besatzer im Krieg in Paris an der Nase herumgeführt hatte, wie man in den Kabaretts Witze über sie machte, die sie nicht verstehen konnten. Obwohl er durchaus vergnügt erzählte, saß ich peinlich berührt daneben – das waren meine Landsleute, die Besatzer, und dass sie Opfer von Spott und Hohn waren, erschien mir eine zu milde Strafe. Am Ende klopfte mir der alte Mann auf die Schulter – als hätte er gespürt, was ich dachte – und sagte, Du bist noch jung, du warst es nicht und du kannst auch nichts dafür.

Der Satz hat mich zwar tief berührt, aber er hat meine Haltung nicht verändern können. Natürlich war mir klar, dass ich persönlich nicht in Haftung genommen werden konnte. Aber die Haftung für die deutsche Geschichte und damit auch für die Wunden, die durch Deutsche anderen Menschen in anderen Ländern zugefügt wurden, die wollte, ja die musste ich geradezu übernehmen.

Meine Wahrnehmung der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in den 70er Jahren war so, dass es immer noch umstritten war, sich zur dunklen Seite der deutschen Geschichte zu bekennen. Diejenigen, die für die Trauer über die Verbrechen und die Verpflichtung gegenüber den Opfern eintraten, waren in der Minderheit und sie mussten dafür kämpfen. Wohlgemerkt, hier ist die Rede von der Zeit nach Brandts Kniefall in Warschau.

Vor diesem Hintergrund erkläre ich mir heute, dass das unmittelbare Gefühl von Schrecken, Beschämung und Empörung über die Verbrechen des Nationalsozialismus im Verlauf der Auseinandersetzungen zu einer politischen Haltung wurde. Zu einer Haltung, die mit äußerstem Misstrauen denen begegnete, die sich die große Bedeutung unserer Geschichte für unser Selbstverständnis als Deutsche nicht zu eigen machen wollten. Zu einer Haltung, die den Maßstab des Faschismus auch an aktuelle Ereignisse anlegte und immer auf der Hut war, ob hier Gefahren lauern könnten, die wieder zurück führen. Und zu einer Haltung, die voller Misstrauen gegenüber einem Land und einem politischen System war, in dem alte Nazis wieder hatten etwas werden können, in dem ein Kanzlerkandidat für seine Vergangenheit im Widerstand nicht gelobt und geschätzt, sondern scharf denunziert wurde, ein Land, in dem die Geschichte gerade nicht vergessen, wohl aber verdrängt wurde.

Manche der Bücher, die ich damals las, um etwas über die Geschichte des Nationalsozialismus zu lernen, kamen aus der DDR. Heute weiß ich eine Menge mehr über die antifaschistische Lebenslüge der DDR und über die Geschichtsklitterung, die in der Darstellung aus Sicht der SED lag. Aber damals, wissbegierig und nicht satt durch das, was im Westen zum Thema gesagt und geschrieben wurde, nahm ich diese Lektüre dankbar auf. Das immerhin schien mir doch für den anderen deutschen Staat zu sprechen, sein Selbstbezug auf den Antifaschismus.

Ja, die DDR. Sie war ein Land, für das ich kein gesteigertes Interesse hatte. Die deutsche Wiedervereinigung begegnete mir als Thema nur anlässlich von salbungsvollen Worten der Politiker am 17.Juni und am 13. August, emotional erreichte mich das nicht, es erschien mir eher wie ein Ritual der Ewiggestrigen, der selben, die ich in der Geschichtspolitik auf der falschen Seite sah.

Meine Haltung veränderte sich, als ich Anfang der 80er Jahre nach Berlin zog. Jeden Morgen fuhr ich zur Arbeit durch die geschlossenen U-Bahnhöfe im Ostteil. Anfangs war ich entsetzt, aber natürlich gewöhnte ich mich wie alle Westberliner mit der Zeit an diesen empörenden Umstand, so wie wir alle mit der Mauer lebten. Jedenfalls hörte die deutsche Teilung mit meinem Zuzug nach Berlin auf, für mich etwas Abstraktes, Unwichtiges zu sein.

Es widerstrebte meinen gesamten politischen Grundwerten, dass man Menschen die freie Rede, die freie politische Betätigung und die freie Bewegung verwehrte – deshalb verachtete ich die DDR ebenso wie alle anderen Staaten des realexistierenden Sozialismus. Das war eine scharfe politische Kritik an allen sozialistischen Staaten, zur DDR hatte ich in dieser Hinsicht keine andere Haltung, nur weil es der andere Teil Deutschlands war. Es war vielleicht sogar noch anders: 1981 war ich voller Bewunderung für die Solidarnosc-Bewegung, habe mich in einem entsprechenden Solidaritäts-Komitee engagiert und ein Jahr später auf einer sehr eindrücklichen Reise stieg meine Bewunderung für den Widerstand der Polen unter Kriegsrecht noch an. Ich stellte dann eher die Frage, warum in Polen eine solche Bewegung möglich war, in der DDR dafür aber alles seinen sozialistischen Gang ging. In Ostberlin war ich selten, ich hatte keine engeren Kontakte dorthin.

Zu dieser Grundhaltung passte es auch, dass ich es politisch freudig begrüßte, als die DDR ins Wanken kam. Ich wollte dass ein politisches System fällt, das die Menschen in Unfreiheit hielt. Dass diese Menschen Deutsche waren, war von nachrangiger Bedeutung, ebenso hatte ich Glasnost begrüßt, die Wandlungen in Polen und der Tschechoslowakei.

Und doch, am 9.November 1989 merkte ich, dass da noch etwas war. Wie so viele andere ging ich nachts zur Grenze, zum Übergang Invalidenstraße. Wir quetschten uns in falscher Richtung durch die Massen und standen schließlich "drüben". Wir waren sehr ergriffen und irgendwie auch fassungslos. Liefen durch die leeren Straßen Ostberlins und versuchten zu verstehen, was das alles bedeutete. Schließlich gingen wir mit einem beklommenen Gefühl zum Übergang Friedrichstraße, wir hatten ja kein Visum und wussten nicht, wie sich die gefürchteten Grenzer dazu verhalten würden. Sie waren so verunsichert wie wir und ließen uns schließlich ratlos wieder zurück.

Am nächsten Tag gingen wir zum Rathaus Schöneberg. Vor allem wollten wir Willy Brandt feiern, denn wir waren sicher, dass es ohne ihn und die Ostverträge den Fall der Mauer nicht gegeben hätte. Ich weiß, das ist unter Historikern umstritten, politisch sowieso, aber als Berlinerin hatte ich das Gefühl, dass ohne den langen, zähen Entspannungsprozess eine Annäherung der beiden Stadthälften nicht möglich gewesen wäre.

Wenn ich es mir heute recht überlege, war ich in diesen Tagen vor allem als Berlinerin glücklich. Endlich war die perverse Teilung der Stadt überwunden, endlich lebte ich nicht mehr auf einer Insel, endlich konnte die Stadt sich wieder selbst finden und musste sich nicht länger durch eine von außen aufgezwungene politische Lage definieren.

Dass nun alle von Wiedervereinigung sprachen, war mir suspekt. Was sollten die Nachbarn denken? Und würde Deutschland wieder eine dominante und vielleicht sogar gefährliche Rolle spielen? Warum sollte es nicht ausreichend sein, dass die DDR ein demokratischer Rechtsstaat mit einer sozialen marktwirtschaftlichen Ordnung würde? Das hatte doch den Menschen dort gefehlt, nicht wir anderen Deutschen.

Mit Lust stürzte ich mich in die lebhaften politischen Diskussionen in den neu entstehenden Berliner Zirkeln. Stellte fest, wie fremd wir West- und Ostberliner uns nicht nur kulturell, sondern auch im politischen Denken waren, selbst wenn wir uns eigentlich einig waren, dass wir Demokratie und Freiheit wollten. In einer Gruppe von Ost- und West-Ökonomen diskutierten wir den richtigen Weg der DDR und waren uns ganz sicher, dass eine Währungsunion fatal wäre. Der entsprechende Aufruf ging sang- und klanglos unter. Und als ich am Abend vor dem 1.Juli bei Bekannten in ihrer Datsche am Müggelsee war, um Mitternacht die Böllerschüsse und andere Freudenbekundungen über die Währungsunion hörte, hatte ich eine Lektion darüber gelernt, dass Ökonomie etwas anderes ist als Politik und Gefühle.

Im Oktober 1990 erhielt ich noch eine andere Lektion, die mehr wirkte als all die offiziellen Politikerstatements im Rahmen des Vereinigungsprozesses. Ich war im Urlaub auf der Kanalinsel Jersey in einer einfachen Pension. Schon seit meiner Ankunft hatten die anderen, ausnahmslos englischen Urlauber, mir interessiert Löcher in den Bauch gefragt, wie das denn nun mit der Wiedervereinigung war. Und ich hatte erstaunt festgestellt, dass sie das Ganze für einen vollkommen natürlichen Prozess hielten, das einzige, was ihnen daran Sorge machte, war die von ihnen erwartete ökonomische Stärke Deutschlands. Am 3.Oktober nun saß ich mit den Gästen im Pub und sie fragen mich erstaunt, warum ich denn nicht vor dem Fernseher säße und wenigstens so an den Feierlichkeiten teilnähme. Sie toasteten auf Deutschland und seine wiedergewonnene Einheit und beglückwünschten mich. Später abends, doch noch vor dem Fernseher bei ausführlichen Sondersendungen der BBC, fragte ich mich, ob ich nicht die Bedenken des Auslands als Argument gegen die Wiedervereinigung immer vorgeschoben hatte, weil ich meinem eigenen schwierigen Verhältnis zu meinem Land nicht ins Auge sehen wollte. Jedenfalls habe ich danach nie wieder mit ausländischen Ängsten argumentiert. Und seitdem rumorte bei mir die Frage, ob ich doch noch einmal ein entspanntes Verhältnis zu meinem Land finden könnte.

Die letzte Lektion des denkwürdigen Jahres 1990 erteilten uns Grünen die westdeutschen Wähler. Eine Wahlkampagne mit dem Slogan "Alle reden von der Einheit, wir reden vom Wetter" quittierten sie mit dem Rauswurf der Westgrünen aus dem Bundestag. Die Kampagne hatte mich nicht wirklich gestört, in ihrer Distanz gegenüber dem Einigungsprozess hatte ich mich durchaus wiedergefunden. Aber später habe ich noch oft darüber nachgedacht, warum wir uns derart aus dem zentralen Projekt für Deutschland ausgeklinkt hatten, anstatt uns mit einem konstruktiven Beitrag für die Zukunft unseres Landes einzusetzen.

Die neunziger Jahre haben – wie könnte es für eine Berlinerin anders sein – das Thema der Ost-West-Fremdheit für mich wichtig werden lassen. Die Erfahrung aus der Wendezeit, dass eine gleiche Sprache keine hinreichende Grundlage für eine Verständigung ist, bestätigte sich noch oft. Auch nach Jahren noch spürte ich in Marzahn-Hellersdorf, in dem ich mich in der Wahlkreisarbeit betätigte, dass ich mir bestenfalls anerkennenden Respekt erwerben konnte, Sympathie vielleicht, aber dass ein Unterschied blieb, der nicht wirklich zu überbrücken war, weil er seine Ursachen in Erfahrungen und Kultur hat.

Die neunziger Jahre waren für mich aber auch eine Entdeckung deutscher Geschichte. Ich entdeckte Uwe Johnson für mich, der meinen Gefühlen eine Stimme gab: dass man eben gerade dann an den Fehlern des eigenen Landes leidet, wenn man es liebt. Der mit dem Verlust seiner Heimat nie fertig wurde und darum umso schmerzhafter die Untiefen deutscher Geschichte auslotete.

Ich forschte über Arbeitsmigration und beschäftigte mich mit deutsch-böhmischer Geschichte. Und stellte fest, dass Deutsche ja schon immer in Böhmen ansässig waren – hatte ich doch bis daher gedacht, sie seien dort nur durch faschistische Besetzung gewesen. Ich entdecke über Siegfried Lenz einen nicht-revanchistischen Zugang zur deutsch-polnischen Geschichte und erlebte bei Besuchen in Danzig, auf der Marienburg, in Masuren erstaunt und berührt, wie tief die deutschen Wurzeln in Polen reichen. So ganz allmählich konnte ich meine eigenen Mauern abtragen, die sich bei mir im Zuge des Kalten Krieges aufgebaut hatten.


Either right or wrong?

So weit der Streifzug durch meine eigene Geschichte, lückenhaft und assoziativ, aber vermutlich nicht ganz untypisch für eine linke Biographie der Generation der heute 40jährigen. Auch als Nach-68erin hatte ich ein schwieriges Verhältnis zu meinem eigenen Land, spürte Scham über unsere jüngste Geschichte und die Versäumnisse in deren Bewältigung, trotz Demokratie und öffentlicher Diskussion über die Geschichtspolitik blieb ein grundlegendes Misstrauen gegen unsere Politiker und uns alle.

Über all dem ein positives Verhältnis zu meinem Vaterland zu entwickeln, war da schwer, wenn nicht unmöglich. Diejenigen, die von Deutschland sprachen, waren lange Zeit die Verdränger gewesen, es gab nicht genug, womit ich mich positiv identifizieren konnte. Wichtige Gesten wir Brandts Kniefall oder Weizsäckers Reden waren mir nicht Beleg dafür, dass Deutschland sich doch positiv entwickelte, sondern vermittelten nur die Erleichterung, dass es doch einige Anständige gab, die den richtigen Weg gingen.

Rückblickend erscheint mir, dass die Verwicklung in den Kalten Krieg das Ihre dazugetan hat, dass die Haltung zu Deutschland so schwer zu entwickeln war. Aus der Sicht einer Linken, selbst einer mit einer klaren anti-totalitären Haltung, war es schon bedeutsam, dass diejenigen, die von Wiedervereinigung sprachen und von einem "Ende der Vergangenheit, gleichzeitig Rechte oder Konservative waren. Right, my country - die das sagten, wollten sich nicht nur nicht schämen für die deutsche Vergangenheit, sie wollten auch eine konservative Politik in der Bundesrepublik. Links sein und für deutsche Nationalgefühle – das ging offenbar nicht. Ich habe erst, als ich überrascht und irritiert auf Willy Brandts patriotische Positionen nach dem Mauerfall reagierte ("Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört"), darüber nachgedacht, dass es offenbar auch einen linken Patriotismus geben könnte.

Vieles von dem, was ich hier erzähle, erklärt sich auch mit mangelnder Geschichtskenntnis, es erklärt sich aus dem Zeitgeist der 70er und 80er Jahre, als es noch klarere Fronten zwischen Links und Rechts gab. Aber selbst wenn man das wegnimmt, bleibt ein harter Kern, den ich auch heute noch als berechtigte Distanz zu einem ungetrübten, nur emphatischen Patriotismus sehe.

Das Misstrauen gegenüber Deutschland, seiner Lernfähigkeit aus der eigenen Geschichte und seiner verlässlichen demokratischen Entwicklung wurde ja immer wieder bestätigt - ich nehme nur als ein besonders augenfälliges Beispiel das schwierige und immer wieder prekäre Verhältnis unseres Landes zur Einwanderung, das rückständige Einbürgerungsrecht, Diskriminierung und offene Ausländerfeindlichkeit.

Und es gab Unklarheiten, die erst beseitigt werden mussten, damit sich der Blick auf Deutschland verändern konnte. Erst als mit der Wiedervereinigung und deren Anerkennung durch die Welt Deutschlands Rolle neu definiert wurde, erst als wirklich niemand mehr irgendeine Grenzfrage offen halten konnte, erst durch die Vertiefung der Europäischen Union waren so harte Fakten geschaffen, dass sich mein Verhältnis zu meinem Land entspannen konnte.


Right or wrong – one country

So skeptisch ich damals gegenüber der Wiedervereinigung war, als so befreiend erlebe ich sie im Nachhinein. Nicht in dem Sinne, dass ich heute mit Inbrunst in den Wettbewerb der Stolzen eintreten könnte und wollte, nein, aber ich kann Deutschland heute auch als ein Land mit einer eindrücklichen demokratischen Entwicklung sehen, als ein Land, das bei aller Unzulänglichkeit sich doch seiner Vergangenheit gestellt hat, auch wenn es dafür vieler Kämpfe bedurfte.

Früher hätte ich mit Irritation auf Lob aus dem Ausland reagiert, heute freue ich mich sehr. Zuletzt am 9.September diesen Jahres, bei der Eröffnung des Jüdischen Museums, als dessen Direktor Michael J. Blumenthal sagte: "Soweit ich weiß, hat bis jetzt noch keine Nation Mahnmale errichtet zum Gedenken an die Opfer jener Verbrechen, die von der ehemaligen Regierung des Landes und den eigenen Mitbürgern begangenen wurden. (...)Deutschland ist die größte und stärkste Wirtschaftsmacht in Europa und eine der wichtigsten Nationen der Welt. Dadurch, dass Sie sich der Vergangenheit stellten, Wiedergutmachung versuchen, dieses Museum und andere vergleichbare Institutionen in Ihrer Hauptstadt fördern, haben Sie ein Zeichen gesetzt und ein moralisches Recht erworben, zu den Wortführern im weltweiten Kampf gegen Rassismus und für religiöse Toleranz, für die Rechte aller Minderheiten und für die Menschenrechte zu gehören. Ich hoffe, die Bundesrepublik übernimmt diese Rolle mit Energie und Entschlossenheit."

Während ich mich noch wunderte, dass diese Sätze so wenig öffentliche Aufmerksamkeit fanden, wurde der Wunsch von Blumenthal schneller zu einer Aufgabe für Deutschland als er und wir alle das für möglich gehalten hätten. Und ich finde es richtig, dass Deutschland sich dieser Herausforderung stellt.

Die Entwicklung der letzten zwei Monate zeigt uns, wie schwierig der Weg in eine neue Rolle Deutschlands ist. An der Rede des Kanzlers von der uneingeschränkten Solidarität entzündet sich die Frage, wie genau denn die Bündnisverpflichtung Deutschlands zu erfüllen ist und wieviel Distanz wir gegenüber der amerikanischen Politik einnehmen können und wollen. Deutschland muss sich in seine neue, wichtige Rolle noch finden. Es wird sicher noch dauern, bis da die richtige Mischung aus Einordnung in die internationalen Verpflichtung und eigenständiger (Interessen-)Politik gefunden wird. Dass die Forderung, Deutschland solle sich der aktiven Beteiligung an der Anti-Terror-Allianz verweigern, bei uns so viele Anhänger findet (eben nicht nur in den Grünen), erklärt sich natürlich mit der Kritik am militärischen Vorgehen der Amerikaner. Aber auch das Erschrecken darüber, was aus der neuen Rolle Deutschlands und den Erwartungen des Auslands an uns folgt, kann kein Argument für einen deutschen Sonderweg sein. Dass ich das heute so sicher sagen kann, ist auch ein Ergebnis meiner langsamen Annäherung an mein Land.

Diese Annäherung wurde begünstigt durch die vielfältigen Anstrengungen zur kritischen Selbstverständigung, durch die wir durchgegangen sind. Auch in den 90er Jahren hatten wir eine Reihe großer Debatten – den Historiker-Streit, die Goldhagen-Debatte, den Walser-Bubis-Streit, die Auseinandersetzung um die Wehrmachtsausstellung -, die belegen, dass uns unsere Geschichte nicht loslässt. Diese Debatten folgen manchmal noch den bekannten Grundmustern, die Verdränger, Beschwichtiger, Relativierer gegen die Kritischen, die sich der Geschichte in ihrer ganzen Furchtbarkeit stellen wollen. Und doch können sie heute auch anders geführt werden, weil die Vergangenheit nicht mehr ganz so emotional nahe ist, weil Jahrzehnte der Forschungsarbeit unseren Kenntnisstand erheblich verbreitert haben, so dass wir differenzierter diskutieren können. Ich will, dass uns die deutsche Geschichte auch weiterhin umtreiben wird. Solche Debatten sagen uns auch immer seismographisch etwas über Veränderungen in unserem Selbstbild und lehren uns etwas darüber, was jetzt kontrovers auszutragen ist.


Right or wrong – my identity?

Die letzten Stationen des deutschen Identitätsdiskurses waren die Forderung nach einer deutschen Leitkultur sowie die erbärmliche Debatte um den Nationalstolz, die uns im Frühjahr diesen Jahres beschäftigte. Eigentlich darf man sie mit den eben erwähnten Auseinandersetzungen nicht auf eine Stufe stellen, weil diesen jüngsten Diskussionen das intellektuelle Format fehlte – aber die deutsche Öffentlichkeit und vor allem die Feuilletons waren eine ganze Zeit damit beschäftiget, sich an der Forderung nach einer Leitkultur abzuarbeiten. Ebenso fragten wir uns, ob wir Deutschen wieder auf sich selber stolz sein können und die Forderung steht im Raum, die nationale Identität zum Wahlkampfthema im nächsten Jahr zu machen.

Der Spiegel hat daraufhin die Bevölkerung befragt und herausgefunden, dass Ende September diesen Jahres 45 Prozent der Befragten dies für ein wichtiges Wahlkampfthema halten, 51 Prozent für unwichtig. So weit, so wenig sagend, aber bemerkenswert ist doch, dass die einzige Altersgruppe, in der 68 Prozent dies für wichtig halten, die der 18 bis 24jährigen ist. Heißt das, dass die Jüngeren endlich wieder unbefangen über Deutschland reden wollen und sich dabei nicht von einer "Faschismuskeule" durch die unpatriotischen Linken erschlagen lassen wollen? Unbestreitbar dies offenbar wieder ein Thema, das junge Menschen beschäftigt, aber mit welchem Ergebnis diese Debatte mit den Jüngeren geführt wird, das erscheint mir offen.

In der Leitkultur-Debatte kristallisierte sich recht schnell heraus, dass alle sich einig sind im Hinblick auf den Verfassungspatriotismus. Dieser kleinste gemeinsame Nenner ist aber nur der Ausgangspunkt für die eigentliche Kontroverse: Was braucht es darüber hinaus an emotionaler Gemeinsamkeit der Deutschen, wie viel Heimatgefühl, Wärme, Kultur können, müssen, sollen wir Deutschen teilen?

Mir erscheint es kein Zufall, dass diese Diskussion von konservativer Seite eingeführt wird zu genau dem Zeitpunkt, da sich unser Land von seiner Lebenslüge verabschiedet, kein Einwanderungsland zu sein. Sie ist der Versuch, sich seiner selbst zu vergewissern im Angesicht von unbekannten neuen Entwicklungen, sie drückt auch Angst vor dem Fremden aus. Zugleich aber sagt sie uns etwas über den Mangel an Selbstgewissheit über die eigene Identität, denn wer eine solche beschwören muss, hat sie gerade nicht. Gefragt nach der Konkretisierung kommen entweder Banalitäten, wie die deutsche Sprache, oder aber der Verweis auf deutsche Geistesgrößen wie Goethe, Schiller, Beethoven. Dieser rührende Rückgriff auf die Klassiker verweist darauf, dass es keinen Begriff, keinen theoretischen und politischen Zugang zu einer pluralistischen Gesellschaftsentwicklung gibt, die vielfältige Einflüsse aufgegriffen und sich anverwandelt hat. Dies ist der längst stattgefundenen Einwanderung ebenso geschuldet wie der kulturellen Globalisierung: Jeder deutsche Jugendliche würde sich an den Kopf fassen, wenn er auf Buletten und Udo Lindenberg zurückverwiesen würde, wenn es um seine kulturellen Vorlieben beim Essen und der Musik geht. Und das Englische ist uns so nahe, dass uns sogar englische Zitate einfallen, wenn wir über deutsche Identität sprechen wollen.

Jenseits der Lächerlichkeit, die der Debatte anhaftet, hat sie einen ernsthaften Kern, den Gustav Seibt auf den Punkt gebracht hat: "So unklar der Inhalt des Begriffs Leitkultur ist, so klar ist seine Funktion. Das Wort Leitkultur bezeichnet eine Leerstelle: jene assimilatorische Anziehungskraft, die es Einwanderungsgesellschaften ermöglicht, Fremde aufzunehmen und doch ihre eigene Identität zu bewahren. (...) Dass Deutschland in Wahrheit über eine solche werbende, gastfreundliche und aus sich heraus überzeugende Nationalkultur (wie z.B. die Amerikaner und Franzosen) nicht verfügt, beweist der verkrampfte Versuch der Unionsparteien, sie autoritär zu postulieren."

Wie so viele Debatten über Ausländer verweist auch diese daher wieder auf uns zurück – auf unsere Defizite als Nation, die schon Plessner 1935 als "Großmacht ohne Staatsidee" analysiert hat, ebenso wie auf unser Unvermögen, Einwanderung als normal und damit gestaltungsbedürftig zu sehen, und schon gar, in ihr eine Bereichung zu erkennen.

Ungewollt liefert auch die Nationalstolz-Debatte einen Beweis für diese These. Wir könnten ja darüber diskutieren, ob wir unsere Liebe zu unserem Heimatland auch als Stolz bezeichnen wollen, oder ob man eben nur stolz auf etwas sein kann, das eine eigene Leistung beinhaltet. Bis hierhin wäre es ein semantischer Streit. Aber schon der trotzige Ton eines Westerwelle verweist darauf, dass es um mehr geht. Früher haben Vertreter der Position, dass man doch stolzer deutscher Patriot sein müsse, versucht, die Verbrechen der Deutschen kleiner zu machen. Dies kann sicher keinem der demokratischen Protagonisten der heutigen Diskussion unterstellt werden. Aber sie wollen doch, dass wir uns von diesen Verbrechen heute nicht mehr so stark beeindrucken lassen, dass wir den Rückbezug auf die deutsche Geschichte nicht so oft bemühen und vor allem, dass sich in unser Nationalgefühl nicht länger Scham mischt.

Das ist der Kern der Differenz. Ganz abgesehen von dem unangenehm trotzigen und herrischen Ton, in dem die Forderung erhoben wird, ganz abgesehen davon, dass es auch keine Gesinnungsprüfung für Patriotismus geben sollte, ganz abgesehen davon, dass Liberale niemanden vorschreiben sollten, wie sehr er sein Vaterland zu schätzen hat – es geht eben doch und auch wieder um Geschichtspolitik. Und der Fehler der Nationalstolzen ist es, dass sie meinen, Deutsche könnten nur selbstbewusst sein, wenn sie die Geschichte in die hintersten Ecken des Regals stellen. Ich habe von den Vertretern dieser Position viele Gründe gehört, weshalb ich stolz sein sollte – die intensive Aufarbeitung des Nationalsozialismus durch Forschung, Kultur, Politik und immer neue Jugendgenerationen gehörte nicht dazu.

Solange die Debatte um den Stolz, ein Deutscher zu sein, so geführt wird, wird sie den Begriff nicht nur den Neonazis nicht entwinden. Sie wird vor allem jüngere Menschen so nicht erreichen, denen es eben um Liebe zur Heimat mit all ihren Schönheiten und Schwächen geht und nicht um knarzende Bekenntnisse.

Ich habe versucht zu zeigen, dass ich mich an meinem entspannteren Verhältnis zu Deutschland heute erfreuen kann, dass ich neue Entdeckungen machen kann und ja, ich war in den letzten Jahren sehr stolz darauf, meinem Land in einer hohen Funktion dienen und es im Ausland vertreten zu dürfen.

Meine Gefühle dabei hat der Schriftsteller Rüdiger Safranski sehr gut auf den Punkt gebracht: "Selbstbewusste Nation – ist das auch ohne aggressive und ressentimentgeladene Untertöne denkbar? Es ist selbstverständlich nichts einzuwenden gegen eine nationale Selbstbesinnung, die sich nicht gegen andere formiert, sondern sich auf sich selbst hin formt. Selbstbewusste Nation klingt auftrumpfend, bedeutet aber nichts anderes als: ein Bewusstsein von sich selbst haben. Im Blick auf die deutsche Geschichte heißt das: auch mit ihren Abgründen vertraut sein. Man kann sie nicht bewältigen, man wird mit ihnen leben müssen."