Der Preis für ein Kind

Öffentlich ist es ein wenig still geworden um das weite Feld der Reproduktionsmedizin. Das heißt aber nicht, dass es nicht für tausende Menschen jeden Tag aufs Neue ein drängendes Thema wäre. Etwa 70 000 Paare unterziehen sich pro Jahr einer künstlichen Befruchtung, in Deutschland leben etwa 100 000 im Labor gezeugte Kinder; die Zahl der ungewollt kinderlosen Männer und Frauen steigt kontinuierlich. Martin Spiewak unternimmt in seinem Buch Wie weit gehen wir für ein Kind? eine Bestandsaufnahme nach rund 25 Jahren moderner Fortpflanzungsmedizin. Er hat mit vielen gesprochen: mit Eltern, die der Technik viel verdanken, mit Paaren, denen sie leidvolle Enttäuschungen gebracht hat, mit Ärzten, die Menschen helfen und zugleich dabei Geld verdienen wollen, mit Forschern, die verstehen wollen, was sich verändert hat.

Spiewaks Perspektive ist voller Sympathie und Verständnis für diejenigen, die sich mit dem Schicksal Kinderlosigkeit nicht abfinden wollen, aber das macht ihn nicht zu einem Apologeten der Reproduktionsmedizin. Vielmehr gelingt ihm das Kunststück, in einem seit Jahren von ideologischen Grabenkämpfen vermessenen Gebiet eine nachdenkliche, wohlinformierte Bestandsaufnahme vorzulegen, voller Anregungen für die Leserinnen und Leser.

Er erzählt Geschichten von Menschen, die sich mit Hoffen und Bangen auf das Abenteuer künstliche Zeugung einlassen. Er berichtet davon, dass sie sich alleine gelassen fühlen von den Experten, denen sie sich anvertraut haben. Und er erklärt, was eigentlich in diesen Prozessen passiert. Nicht nur, dass Spiewak auch Laien erklären kann, wie diese Verfahren mit den komplizierten Namen eigentlich funktionieren, er stellt die Fortpflanzungsmedizin auch in ihren gesellschaftlichen und ökonomischen Kontext. Das sind die stärksten Teile seines Buches, in denen er darstellt, was sich eigentlich in unserem Leben verändert hat, so dass ungewollte Kinderlosigkeit immer öfter vorkommt, und wie das Zusammenspiel zwischen den Wünschen der Eltern und den Interessen von Medizin und Industrie die Fortpflanzungsmedizin vorangetrieben hat. Denn so elementar der Wunsch nach Kindern immer schon in der menschlichen Gesellschaft war, es musste doch einiges passieren, dass die Menschen ihn um einen immer höheren Preis zu erfüllen suchten.

Ebenso interessant ist Spiewaks Darstellung des aktuellen Kenntnisstandes, warum Unfruchtbarkeit eigentlich bei Männern und Frauen so stark zunimmt. Die medizinischen Erklärungen sind bislang noch recht unzulänglich, aber die immer spätere Bereitschaft zum Kind - die ihre Ursache natürlich in den veränderten Lebensplänen von jungen Menschen hat - ist eine der Hauptursachen.

Dringend steht in Deutschland eine neue Gesetzgebung für dieses Feld an, die herrschende Rechtslage hält schon lange nicht mehr mit der medizinischen Entwicklung der vergangenen Jahre mit, zudem fehlen Regelungen für die Rechte und den Status der Kinder, die durch diese Verfahren geboren werden. Das Buch ist all denen in der Politik zu wünschen, die daran in den nächsten Jahren arbeiten werden. Es mag wissenschaftliche Texte geben, die den Sachverhalt genauer erklären, aber es finden sich nicht viele Darstellungen, die die Perspektive der Betroffenen so sensibel verbinden mit einem kritischen Blick auf die Nebenwirkungen dieser Verfahren, sowohl für Hilfesuchende als auch für die Gesellschaft insgesamt.

Es bleiben einige Fragen offen: Die gewählte Perspektive blendet Menschen, die sich einfach in das Schicksal der Kinderlosigkeit fügen, aus. Und es lohnte sich schon noch einmal genauer darüber nachzudenken, warum trotz aller Verbreitung der künstlichen Befruchtung und obwohl immer mehr Menschen betroffen sind, die leidenden Paare sich nicht trauen, offen darüber zu sprechen. Warum ist es so ein Tabu, über Kinderlosigkeit zu sprechen, und noch mehr, über den Versuch, sie zu überwinden?

Das spricht nicht gegen das Buch, sondern zeigt, wie anregend es ist. Deshalb ist es beileibe nicht nur für Politiker lesenswert. Spiewak wollte ausdrücklich keinen Ratgeber schreiben, aber sein Buch ist für alle hilfreich, die überlegen, ob sie sich auf den Heilsbringer Reproduktionsmedizin einlassen. Und lesenswert für alle, die den aktuellen Stand der Reproduktionsmedizin verstehen wollen.

Martin Spiewak: Wie weit gehen wir für ein Kind?, Eichborn, Frankfurt am Main 2002, 255 Seiten, 22,90 Euro.

Andrea Fischer, in: Frankfurter Rundschau vom 19.11.2002