Wir sind machtlos
Wieviel Einfluß haben Frauen wirklich?

An Thesen und Theorien besteht kein Mangel, wohl aber an Belegen. Mag es auch soziologische Erhebungen über Berufswahl, Bildung, Kindererziehung geben, was sie uns zu den tatsächlichen Beziehungen zwischen Männern und Frauen sagen können, ist ungewiß. So lädt das Thema zur gefühlten Empirie ein. Der Standpunkt des Betrachters oder der Betrachterin ist entscheidend, er definiert die Wahrnehmung. Mehr als blitzlichternde Bestandsaufnahmen sind ohnehin nicht möglich angesichts der Dynamik, mit der sich die Geschlechterbeziehungen seit einigen Jahrzehnten verändern.

Der Umbruch, der da stattfindet, ist ohne historisches Vorbild, ohne lebenspraktische Hinweise durch die Alten. Das macht ihn für alle Beteiligten kompliziert und verunsichernd. Da hilft eine starke These ungemein, und sei sie auch noch so schwach von Fakten gestützt. Fünf erfolgreiche Journalistinnen (F.A.Z. vom 1. Juli) sind nämlich noch keine Machtübernahme, sondern eine Mischung aus Kompetenz, Zufall und Zeitgeist. Drei mächtige Frauen in der Medienbranche sind bislang nur ein weiblicher Sonderfall unter all den Zeilers, Döpfners, Holtzbrincks, Austs und Markworts. Und schon gar nicht steht zu erwarten oder zu befürchten, daß dieses Land nun so daniederliegt, daß mal wieder Frauen die Chose übernehmen müssen.

Was für ein rührendes Bild aus der Trümmerfrauen-Mythologie oder dem feministischen Kitschkästchen. In der Tat müßte sich in Deutschland einiges ändern, aber es zeichnet sich keine freudige Erwartung ab, ausgerechnet Frauen würden endlich das schaffen, woran Männer seit langem herummurksen. Im Gegenteil wird doch bei der einzigen Frau, die überhaupt an die oberste politische Führung denken darf, ohne sich lächerlich zu machen, noch diskutiert, ob ihr Frausein Vor- oder Nachteil ist, anstatt die Frage zu stellen, was sie denn nun genau anders machen könnte. Im Angesicht dieses niederschmetternd rückwärtsgewandten Diskurses von Machtübernahme der Frauen zu sprechen kann nur als Projektion gesehen werden.

Daß Frauen die Macht übernähmen, setzte ja so etwas wie eine irgendwie geartete Absprache voraus: "First we take the media and then we take Berlin." Eine Art Verschwörung, gut getarnt durch Harmlosigkeit. Das ist ein ob seiner Realitätsferne erheiternder Gedanke. Die Frauenbewegung früherer Jahrzehnte wollte die Frauen aus ihrer Konkurrenz um die Männergunst aufscheuchen und für solidarisches Verhalten unter ihresgleichen empfänglich machen. Über lange Zeit wurde diese Verschwesterung allerdings aufdringlich propagiert, zum Teil unter ideologischer Ausblendung der real existierenden Konkurrenzen unter Karrierefrauen.

Deshalb ist es heute einfach nicht angesagt, über Frauensolidarität zu sprechen. Schon gar nicht mehr geht es um strategische Ziele wie etwa, die Hälfte der Macht für Frauen zu sichern. Denn Frauen wollen nicht im Kollektiv aufsteigen. Es ist ebenso eine Sache der Vergangenheit, sich immer in Abgrenzung zu Männern zu definieren oder gar als gegnerische Kampftruppen wahrzunehmen. Sicher, es gibt Netzwerke, meist informeller Art, es gibt gegenseitiges Verständnis ebenso wie kurze Verständigungen über ein Blinzeln oder ein Lächeln, es gibt ein Wissen darum, daß die Situation von Frauen im Beruf und in der Machtpolitik immer noch eine andere ist als die der Männer - aber darüber reden Frauen bestenfalls ironisch. Keine mag mehr lamentieren, keine sich mehr in die Opferrolle diskutieren. Warum auch? Sie haben ja eine ganze Menge erreicht, und das reden sie sich klugerweise nicht schlecht.

Diese kühle Distanziertheit könnten manche Männer als Erledigung des Problems mißverstehen. Um so mehr, als da immer öfter diese gescheiten und schönen Frauen auf dem Bildschirm erscheinen - schnell sorgt man sich da um die künftige Rolle des Mannes, zumal in einer Zeit des verschärften Konkurrenzkampfs in den Medien. Was, wenn Frausein plötzlich zum Vorteil beim rauheren Kampf um Quoten und Auflagen werden sollte? Die Kehrseite ist ja unterhalb der Wahrnehmungsschwelle: all die vielen jungen, gut ausgebildeten Frauen, die so um die Dreißig still aussteigen aus den vielversprechenden Karrierewegen, wenn auch ganz bestimmt nur vorübergehend. Oder der eklatante Mangel an Chefredakteurinnen, in allen deutschen Tageszeitungen ganze zwei. Keinem Berliner Parlamentsbüro einer bedeutenden Zeitung oder eines Magazins steht eine Frau vor. Erst vor wenigen Wochen wurde zum ersten Mal eine Intendantin einer Rundfunkanstalt gekürt; kein einziger wichtiger privater Sender wird von einer Frau geführt. In der Politik haben immer noch keine Frauen die wirklich entscheidenden politischen Ämter, die harten Ressorts und Ämter besetzt.

Also ist es nicht vornehme, souveräne Zurückhaltung, wenn Frauen die bisherigen Zugewinne von Frauen im Medienterrain nicht besingen und betrommeln, sondern nüchterne Klarheit. Denn das mögen alles ganz hübsche Fortschritte sein, die werden aber noch ganz schön lange brauchen, bis sie über das Stadium des Leuchtturms hinaus sind. Es wäre auch ein taktischer Fehler, über diese bescheidenen Fortschritte zu triumphieren. Wissen Frauen doch um die bestenfalls ambivalente Reaktion von Männern (und auch anderen Frauen) auf machtvolle Frauen. Frauen dürfen Macht nicht wollen und genießen, sie müssen kokett abstreiten, daß sie welche haben, oder doch mindestens schwer an der Bürde der Macht leiden.

Auch unter Berücksichtigung der lang eingeübten deutschen Verachtung für Macht ist es ein bedeutender Unterschied, wer sie innehat. Frauen mit Einfluß und Erfolg werden mit anderen Maßstäben gemessen, beginnend beim Aussehen und nicht endend mit ihrer Ausbildung. Wie oft wird die Tatsache, daß Joschka Fischer als Taxifahrer angefangen hat, als Argument in kritischen Bemerkungen über seine heutige Arbeit angeführt? Frauen bleiben ihr Leben lang Stewardeß, wohingegen Männer sich ihrer kleinen Anfänge durch den Aufstieg dauerhaft entledigen können. Ebenfalls schwer wiegt ein Erbe, das auf die Weiblichkeits-Klischees der ersten Jahre Frauenbewegung ebenso zurückgeht wie auf traditionelle Vorstellungen von der angemessenen Rolle der Frau: daß nämlich von Frauen erwartet wird, "weibliche Elemente" in die Politik oder in andere Machtsphären einzubringen und diese damit selbstredend besser zu machen.

Frauen, die sich dieser Verniedlichung der Machtpolitik verweigern, sind nicht nur kein Vorbild mehr für andere Frauen, sondern werden zum Objekt der Verachtung, so wie Maggie Thatcher. Was aber, wenn in den Etagen der Macht ein immer gleich rauher Wind weht, den nur besteht, wer sich mit denselben Machttechniken wappnet wie die bisherigen Bewohner dieser Etagen? Worin sollte das andere auch bestehen: im Nettsein? Das bringt nichts ein, noch nicht mal in der Publikumsgunst. Denn am Ende haben die harten Machtpolitiker die guten Zustimmungswerte, weil die Bürgerinnen und Bürger durchsetzungsfähige Menschen haben wollen, die das Land führen. Die große Beliebtheit der Moderatorinnen geht vermutlich darauf zurück, daß die Menschen sie als freundliche und charmante Vermittlerinnen sehen, aber nicht als die neue Vorhut der Macht in der Bewußtseinsindustrie.

Das ist nicht geschickte Tarnung: Frauen fremdeln mit der Macht, sie müssen sich noch daran gewöhnen. Zu oft noch halten sie es für einen gnädigen Zufall, daß sie eine herausragende Position erreicht haben. Sie haben sich noch kein Beispiel an den vielen Männern genommen, denen Selbstzweifel in hohen Machtpositionen als Anzeichen gefährlicher Schwäche gelten. Vermutlich werden Frauen es irgendwann selbstverständlich finden, Macht zu haben und anzuwenden. Sie werden sich nicht mehr vor sich und vor de r Welt rechtfertigen. Das könnte noch ein wenig dauern, allerdings gibt es zuversichtlich stimmende Beispiele in der nächsten Generation. Aber sie werden es nicht als weibliche Eroberung überinterpretieren, sondern als ihren eigenen Weg sehen. Der ganz normale Konkurrenzkampf eben. Damit wäre die berufliche Entwicklung von Frauen, die Übernahme interessanter Positionen und hoher politischer Ämter schließlich jeder Aufladung durch vermeintliche Geschlechterkämpfe entkleidet. Voraussetzung dafür wäre allerdings, daß auf seiten der Männer ebenfalls Entspannung einsetzt, daß sie die Souveränität entwickeln, starke Frauen zu schätzen. Das nun wiederum nennt man gehoffte Empirie.

Die Autorin war von 1998 bis 2001 Bundesgesundheitsministerin und moderiert bei n-tv die Sendung "Grüner Salon".


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