Laudatio Louise-Schroeder-Medaille

Für die Redaktion "Zeitpunkte" beim RBB - Berlin, Rathaus Schöneberg, 1.4.2004

Die Louise-Schroeder-Medaille soll Menschen auszeichnen, die sich in Berlin besonders verdient gemacht haben um Demokratie, Frieden, soziale Gerechtigkeit und die Gleichstellung der Frau. Das ist eine anspruchsvolle Liste von verlangten Leistungen. Wie soll eine allein das schaffen? Sicher, es hat schon etliche einzelne Preisträgerinnen gegeben, aber wohl noch nie ist es der Geehrten gelungen, so umfassend diesem Anforderungsprofil zu entsprechen. Das geht auch nur gemeinsam. Demzufolge ist die heute Geehrte ein gerade 25 Jahre alt gewordenes Kollektiv, dessen Mitgliederzahl nur schwer zu bestimmen ist. Aktuell, in diesen Tagen, umfaßt das Kollektiv vier festangestellte Redakteurinnen, zwei Programmassistentinnen und rund 25 „feste freie“ Mitarbeiterinnen. Dieser gesamten heute hier anwesenden Gruppe, die derzeit die „Zeitpunkte“ erstellt, gilt im Besonderen heute unsere Ehrung. Aber eigentlich wird die die Medaille dem gesamten Kollektiv über die ganze Zeit seiner Existenz verliehen. Somit gehören einige hundert Frauen zu der heute geehrten Gruppe. Einer Gruppe, richtiger einer Redaktion, der es über diesen langen Zeitraum gelungen ist, ein außerordentliches Radioprogramm herzustellen, das viel Beachtung, Lob, Auszeichnungen erfuhr, auch wenn es nicht ohne Gegner blieb.

Die Redaktion „Zeitpunkte“ erhält heute die Louise-Schroeder-Medaille zu Ehren einer Frau, die von sich sagte: „Wenn ich als Frau eine besondere Aufgabe erfüllen konnte, so war es die, die Menschen einander näher zu bringen, ihre Abneigung gegen die Diktatur zu stärken und ihnen zu helfen, soweit das möglich war.“ Nun, so würden es die Mitglieder der Redaktion wohl heute nicht formulieren, die Zeiten haben sich geändert. Aber Schroeders Anspruch paßt gut zu diesem Radioprogramm. Deshalb wird heute eine Radiosendung dafür geehrt, dass sie seit 25 Jahren öffentlich-rechtlichen Rundfunk im allerbesten Sinne macht, dem Informationsauftrag sorgfältig und engagiert nachkommt und dabei einen Raum geschaffen hat, in dem die Sichtweise von Frauen mehr ist als nur Stilmittel, sie ist handlungsleitendes Prinzip. Hier hat die weibliche Perspektive die Bedeutung, die wir ihr an noch viel mehr Orten wünschen möchten. Das ist ein wirklich großartiger Beitrag zu Förderung von Demokratie und Frieden und der Gleichstellung der Geschlechter. Und es hat auch dazu beigetragen, dass hier in Berlin Frauen voneinander hörten und aufeinander zugehen konnten.


Die „Zeitpunkte“ zeichnen sich nicht zuletzt durch eine besonders große und engagierte Zuhörerschaft aus, Männer wie Frauen. Eine davon war und bin ich. Im April 1982 zog ich nach Berlin. Die „Zeitpunkte“ waren eine meiner ersten neuen Bekanntschaften in der Stadt und ich wurde sofort Mitglied ihres Fankreises. Damals arbeitete ich in einer Druckerei, außer mir sonst nur Männer im Drucksaal. Wir alle hörten immer gemeinsam Radio während der Arbeit. Sehr laut natürlich. Und selbstverständlich SFB 2, was anderes kam nicht in Frage. In der Frühschicht begannen wir mit dem „Echo am Morgen“, turnten nicht mit zur „Frühgymnastik“, aber hörten dann ebenso interessiert die „Zeitpunkte“ weiter.

Damals war SFB 2 der Sender am Puls der Stadt. Kaum in Berlin angekommen, gehörte der SFB zu meinem Lebensgefühl, die Morgenschiene ebenso wie natürlich der unvergessene SFBeat am Abend. Das galt nicht nur für mich, sondern für eine große Zahl von Menschen in der Stadt, die Sendungen des SFB waren Gespräch und bestimmten Gespräche. Vor diesem Hintergrund erschien uns die schon damals antiquierte „Frühgymnastik“ als liebenswerte kleine Schrulle im Programm, immer wieder für einen Witz gut, keinesfalls aber ein Grund zum Abschalten. Vielleicht mag diese Erinnerung den Programmmachern von heute als Ermutigung dienen: Ein Radio, das nah bei seinen Hörern und Hörerinnen ist, das darf sich auch manchen Schlenker erlauben, es wird die Treue damit nicht aufs Spiel setzen.

In fünfundzwanzig Jahren „Zeitpunkten“ kommt eine unermeßliche Fülle von Beiträgen zusammen, jede Auswahl ist willkürlich. Ich habe mir daher erlaubt, mir die Sendepläne aus dem Frühjahr 82 zeigen zu lassen, aus der Zeit meines ersten Flirts mit den „Zeitpunkten“.

Auf dem Programm stand unter anderem: Die Familienwoche: zum Thema Sexualität in der Familie; Kinder und Smog; die Gefahr, dass Frauen durch die neuen Bildschirmarbeitsplätze ihre Arbeit verlieren; Häuserräumungen; der Friedensmarsch durch die DDR nach Wien; Barbara Sichtermanns Buch „Leben mit einem Neugeborenen“; Schule schwänzen; eine Gruppe „Offensives Altern“, die neue Lebensformen für ältere Frauen in Schöneberg entwickeln wollte; die Verquickung von politischem Mandat und Geschäft bei Abgeordneten; Wie lasse ich mich nicht anmachen; der unerklärte Krieg zwischen Argentinien und England aus der Sicht von Frauen dieser Länder; ein Modellversuch zur Integration ausländischer Schüler an der Gesamtschule Kreuzberg ist in Gefahr; die erste Pfarrerin,die in Berlin ordiniert wurde; Frauen und Fußball; die Reagan-Demo und erste Gerichtsurteile zum Stromboykott.

Diese Auswahl dient nicht nur der Auffrischung meiner persönlichen Erinnerung an jene Jahre. Sie sagt auch viel über die Qualität dieser Sendung. Sie zeigt, was für einen großen Bogen die Frauen von den „Zeitpunkten“ immer zogen, kein Thema blieb bei ihnen draußen. Mehr noch, in dieser Sendung wurden Fragen zum ersten Mal öffentlich thematisiert. Und die „Zeitpunkte“ haben sich für alles vom Privaten bis zum Politischen interessiert, ihre Berichte machten sie immer aus der Perspektive von Frauen, ganz dicht an deren Alltag.

Zwei Gedanken kommen mir mit Blick auf diese Auswahl von Themen:

- Heute, wo in den Nachmittagstalkshows persönliche und persönlichste Probleme zu Trash herabgewürdigt werden, erscheint es kaum mehr vorstellbar, dass es erst zwanzig Jahre her ist, da das Sprechen über Sexualität und den weiblichen Körper mal ein befreiender Akt war. Doch genau so war es. Es war revolutionär, was die „Zeitpunkte“ damals machten, sie halfen Frauen, sich und andere besser zu verstehen und ihr Leben zu verändern. Das Medium Radio ist in seiner Diskretion dafür besonders geeignet. Und die „Zeitpunkte“-Frauen nutzten dieses Medium zudem mit Sensibilität und Takt, um diese Themen in Würde mit ihren Gästen, Interviewpartnerinnen und ihren Hörerinnen und Hörern zu diskutieren. Bis heute wissen sie diese besondere Qualität des Mediums Radio für die diskrete Veröffentlichung von schwierigen Themen klug zu nutzen.

- Vor dem Hintergrund des im Laufe der Jahre fest aufgeklebten Etiketts, es handle sich um eine feministische Sendung, überrascht es aus heutiger Sicht, wie viele Themen um Kinder und Familie kreisen. Fast wie beim „Frauenfunk“ alter Schule. In den bewegten Debatten dieser Jahre wurde natürlich auch die „Zeitpunkte“-Redaktion mit der Frage - eher wohl Kritik - konfrontiert, ob es denn nicht wichtig sei, Frauen gerade als eigenständige Personen zu sehen, eben nicht definiert durch ihre Kinder, ihre Familie. Aber offenbar hat die Redaktion auch in Zeiten größeren Dogmatismus in der Frauenbewegung an ihrem Selbstverständnis festgehalten, eben das ganze Leben von Frauen zum Gegenstand ihrer Berichte, Interviews, Reportagen zu machen. Und das Leben in seiner ganzen Fülle macht die Persönlichkeit von Frauen aus.


Beim Blick auf diese Liste von Themen wird leicht vorstellbar, dass sie Anlaß zu mancher Aufregung boten. Es gab immer wieder Diskussionen im Rundfunkrat, ob zum Beispiel derart persönliche Fragen in ein öffentlich-rechtliches Programm gehörten, zugleich gab es politische Kontroversen, weil die Sendung oft als zu links geschmäht wurde.

Wie schon erwähnt hatten die „Zeitpunkte“ immer eine große HörerInnnenschaft. Wie groß, das erfuhr die Redaktion erst so richtig im Verlauf der verschiedenen Konflikte. Mehrmals kulminierten die vielen vorherigen kleinen Aufreger plötzlich in mehr oder minder unverhohlenen Versuchen, die Sendung kleinzukriegen. Insgesamt vier Mal wurden solche Versuche gestartet und riefen jeweils ein erstaunliches Echo unter den Hörerinnen hervor. Der Rundfunkrat wurde mit Go ins verstört, öffentliche Protestveranstaltungen fanden statt, die Berliner Zeitungen berichteten über die erstaunlich zahlreichen Liebeserklärungen der Hörerschaft, überrascht wurde vermerkt, in welchem Maß prominente Frauen sich über alle Parteigrenzen hinweg verbündeten.

Es ist schwer zu sagen, wie man das Ergebnis all desssen beurteilen soll. Die schlechte Nachricht ist, dass die „Zeitpunkte“ viermal zwangsweise umgezogen wurden und das Umfeld, in dem sie sendeten, schwieriger wurde. Die gute Nachricht ist: Die „Zeitpunkte“ erreichen bei bester Gesundheit ihren 25. Geburtstag und sind wild entschlossen, älter zu werden. Und ihre Hörerinnen und Hörer wollen dabei mitmachen.

In der Ausschreibung für die Louise-Schroeder-Medaille steht nicht, dass sie für Zähigkeit vergeben wird, aber wer solche anspruchsvollen Ziele - und das unter oft widrigen Umständen - erreichen will, muß schon sehr zäh sein - auch hierfür den Macherinnen der „Zeitpunkte“ mein Kompliment und meine Bewunderung. Sie haben sich nicht unterkriegen lassen und unbeirrt gutes Radio in schlechter werdenen Zeiten gemacht.

Aber das ist doch ein Phänomen, an das ich noch ein paar Gedanken verwenden möchte. Da hat der SFB ein ungemein erfolgreiches Programm - damals, bei SFB 2 waren die „Zeitpunkte“ nach dem „Echo am Morgen“ das meistgehörte Format. Und spätestens als er sie kleinmachen wollte, erfuhr der SFB, dass dieses Format hartnäckig liebende Hörerinnen und Hörer hatte. Heute nennt man das Hörerbindung, sie wird von den neuen Programmmachern verzweifelt gesucht. Aber im Fall der „Zeitpunkte“ erschien es so, als gäben die Programmmacher nur zähneknirschend bei und nähmen dabei einer engagierten Hörerschaft übel, dass sie ein Programm so zäh liebt.

Man ist versucht, das mit blöder Frauenfeindlichkeit erklären zu wollen Und tatsächlich gab es immer wieder fadenscheinige Begründungen, oft jenseits aller Fakten. Gerne taucht das vermeintlich den Frauen gegenüber wohlwollende Argument von der „Nische“ auf. Aus dieser Nische müsse man rauskommen, die Zeiten für Spartenangebote seien vorbei. Zweifellos ein eigenwilliges Argument in einer Zeit, in der Programme immer stärker differenziert werden. Und warum eigentlich bezeichnet niemand Sportprogramme als Nische? Auch gab es immer das wohlmeinende Angebot, die weibliche Sichtweise einfach überall integrieren zu wollen, die „Zeitpunkte“ sollten doch Häppchen zuliefern. Auch so eine scheinheilige Freundlichkeit - als sei nicht längst, seit Frauen in den Medien stärker vertreten sind, bewiesen, dass diese Perspektive sich im Mainstream nur schwer durchhalten läßt. Und als habe es keine eigenständige Qualität, eine ganze Sendung fein zu komponieren, Ablauf der Beiträge und Musik inklusive.

Aber vielleicht führt uns die Sache mit den Häppchen noch zu einer anderen Erklärung. Die Frauen Berlins kämpften immer zurecht um die Sendung, weil sie diesen besonderen und einmaligen Informationsraum für Frauen erhalten wollten. Aber die Angriffe auf die Sendung hatten vielleicht nicht nur mit der Frauenfeindlichkeit der jeweiligen Senderleitungen zu tun, sondern spiegelten den Niedergang des öffentlich-rechtlichen Radios wider.

Eine einstündige Sendung, von einer Redaktion sorgsam täglich neu fein abgestimmt, Schwerpunkte setzend und einem Thema die angemessene Zeit gebend, auch wenn sie aus dem üblichen Schema herausfällt, deren Liebe und Sorgfalt sich bis auf die ungewöhnliche Musikauswahl erstreckt - heute nennt man die von ihnen seit je verfolgte Mischung aus Weltmusik, Jazz, Chanson, Rock, Pop Crossover, mit der Besonderheit, dass die Musik von Frauen stammt - das mußte einfach als Fremdkörper auf dem Weg zum „Durchhörradio“ erscheinen. Zu eigensinnig, zu widerspenstig. 1994, als wieder einmal der Abschied von den „Zeitpunkten“ zur Debatte stand, was die damalig Protestierenden zur schönen Wortschöpfung „So Funken Biedermänner“ veranlaßte, sagte der Wellenchef den bemerkenswerten Satz „Das ist eine Sendeform, die vor 15 Jahren entwickelt wurde, aber jetzt ist 1994“.

Als habe das Alter des Formats per se eine Aussagekraft über seine Qualität, schlimmer noch, als sei einfach nichts geschehen. Dabei haben sich die Themen der „Zeitpunkte“ so weiterentwickelt wie das Leben und die Frauen sich verändert haben. Bei all den Vorwürfen, dass die Sendung nicht mit der Zeit gegangen sei, müssen immer Leute am Werk gewesen sein, die die Sendung nicht selber hörten. Und der Vorwurf des Dogmatismus, das Klischee von den verbohrten Frauen - das war sicher mehr Projektion von Frauenbewegung als dass es etwas mit der Realität dieser nachdenklichen und selbstironischen Redaktion zu tun hatte. Nicht, dass es für den Mangel an Dogmatismus eines Beweises bedurft hätte, aber ich selber hatte als Gast 2001 die Ehre, von der „Zeitpunkte“-Redaktion mit einer Lieblingsmusik von mir begrüßt zu werden - ungeachtet der Tatsache, dass Gerry Mulligan definitiv ein männlicher Musiker war.

Es ist wirklich schwer zu verstehen, wie wenig der SFB und heute der RBB sein von den Hörerinnen und Hörern so geliebtes Programm schätzt. Vor der Louise-Schroeder-Medaille hat die Redaktion den „Preis der Berliner Frauenbeauftragten“ gewonnen und den des „Unabhängigen Frauenverbandes“, etliche Einzel-Beiträge sind mit Preisen ausgezeichnet worden, unzählige Gäste aus dem Ausland haben die Sendung bewundert, Medienfrauen überall auf der Welt beneiden die Berlinerinnen um diese „Oase in der Radiowüste“ (SZ, zum 15.Geburtstag). Nein, wir wollen nicht so etwas Böses denken, dass etwa Neid im Spiel sein könnte oder auch nur das Ausweichen vor der Erinnerung, dass gutes Radio früher überal im öffentlich-rechlichen Rundfunk zuhause war.

Aber wie kann es sein, dass in einer Zeit, in der Radiomacher in Berlin sich immer noch den Kopf darüber zerbrechen, wie man mit einem Programm Ost und West gleichermaßen erreichen kann, sie nicht in lauten Jubel ausbrechen über ein Format, das das immer ganz ungestrengt geschafft hat und heute noch schafft? So richtig bewußt wurde der Redaktion ihre Leistung erst mit dem Fall der Mauer, sie stellte überwältigt fest, was für eine große Hörerinnenschaft sie in der DDR hatte. Dort schätzte man sowohl die politische Berichterstattung - die Berichte über die unabhängige Friedensbewegung hatten der Redaktion sogar die Stasi-Beobachtung eingebracht - als auch, dass hier Themen angesprochen wurden aus dem persönlichen Bereich, die in der verordneten Gleichberechtigung der DDR nicht vorkommen sollten. Das führte sicher auch zu manchem eigenwilligen und komischen Zusammenstoß der Wahrnehmungen, davon können andere kompetenter erzählen. Aber den Radiomachern von heute möchte ich dieses besondere Phänomen der gleichverteilten Hörerschaft ans Herz legen. Vielleicht sind die ost- und die westdeutschen Frauen geeint in ihrem Sinn für Authentizität und Qualität im Radio und lieben deshalb gleichermaßen die „Zeitpunkte“?

Die vielen Vertreibungen der „Zeitpunkte“ haben den Hörerinnen Findigkeit abverlangt. Für diejenigen, die noch zwischen den Wellen umherirren: Fürs erste ist der Platz der „Zeitpunkte“ auf Kulturradio, jeweils samstags und sonntags um 17:05 eine Stunde, dazu der Kulturtermin dienstags um 19:05 und täglich liefern sie zwischen 11 und 12 Uhr zwei Beiträge fürs Vormittagsprogramm. Vielleicht konnte der letzte Angriff auf die „Zeitpunkte“ auch so glimpflich ausgehen, weil inzwischen auch Frauen das Sagen haben bei der Zukunkft des Senders - das ließe hoffen.

Zum zwanzigjährigen Geburtstag hat Magdalena Kemper, Redakteurin der ersten Stunde bis heute, prognostiziert, dass es „Zeitpunkte“ noch lange brauche, „denn die totale Gleichberechtigung werden wir wohl nicht mehr erleben“.

Das ist natürlich richtig, das werden wir wohl nicht erleben. Aber stellen wir uns für einen kurzen, schönen Moment vor, all die Probleme mit der Gleichbehandlung und den Frauenmenschenrechten seien eines Tages wirklich gelöst. Wir verdienen so viel wie Männer, wir dürfen dof sein wie Männer und trotzdem Karriere machen, nirgendwo auf der Welt schlägt mehr ein Mann eine Frau, die Welt ist also tatsächlich besser geworden. Möchten wir dann keine Perspektive der Frauen mehr hören?

Darauf möchte ich zum Abschluß mit einer höchst unwissenschaftlichen, sehr subjektiven Bemerkung antworten. Ich vermute, auch in einer deutlich besser als heute eingerichteten Welt werden Frauen einen anderen Blick, eine andere Wahrnehmung haben als Männer. Männer, die uns ja auch nach vielen Jahren der teilnehmenden Beobachtung fast so unverständlich geblieben sind wie sie selbst es sich sind. Also möchte ich gerne weiter einen Ort haben im Radio, wo ich solche genauen und tiefgehenden, kritischen und selbstkritischen, scharfsinnigen und humorvollen Beiträge aus der Sicht von Frauen hören kann. Einen Ort, wo Frauen ihre Differenzen austragen können, so wie ich meine vorerst letzte Begegnung mit den „Zeitpunkten“ erinnere, als Barbara Sichtermann und ich mit Alice Schwarzer darum stritten, ob sich wirklich noch gar nichts zum Guten bei uns Frauen verändert habe. Vielleicht werden wir uns in dieser fernen, paradiesischen Zukunft damit auseinanderzusetzen haben, dass junge Frauen es zu anstrengend finden, immer Männern den Hof machen zu müssen und dass sie gerne mal kein Geld verdienen möchten. Was immer die Themen dann auch sein werden - alle diese Sendungen werden von einem aufgeweckten Kollektiv von Frauen gemacht, von denen sich einige noch an die Feststunde zur Verleihung der „Louise-Schroeder-Medaille“ erinnern, andere hingegen sind so jung, dass sie denken, der „RadioDigiWave Preis“ sei schon das Bedeutendste an Auszeichnung, was die Redaktion je erhielt. Auf jeden Fall aber gehört zu dieser fernen Welt neben der Frauensendung dann auch eine Sendung aus Männerperspektive. Denn das wäre ja wohl auch Fortschritt, dass Männer sich endlich zugestehen können, dass sie die Welt anders sehen als wir, und dass sie fröhlich und tatkräftig ihre Nische besetzen.

Und natürlich passieren all diese Dinge in einem Radio, das sich als „Tagesbegleitprogramm“ verweigert, das mich aber immer in meinem Leben begleitet. Spannend, überraschend, aufregend, ärgerlich, komisch, traurig, mit wunderbarer Musik aus allen Richtungen - so wie die „Zeitpunkte“ eben!