Mehr als nur ein Notnagel

Vortrag 10. Gütersloher Gerontopsychiatrisches Symposium am 27. April 2005

Über die Einladung zu Ihrem Symposium nach Gütersloh habe ich mich sehr gefreut. Schließlich hat Gütersloh einen großen Ruf wenn es um die Versorgung psychiatrischer Patienten geht. Vor allem verbinde ich Gütersloh mit dem ambitionierten Versuch, sich der Versorgungsaufgabe nicht einfach durch vollstationäre Unterbringung der Patienten zu entledigen. Vor dem Hintergrund der langen Tradition der Gütersloher Psychiatrie mit neuen Versorgungsformen erscheint es mir nur konsequent, dass Sie diesmal ins Zentrum Ihrer Tagung die Frage stellen, wie bei der Bewältigung dieser Aufgaben die professionellen Helfer und das Bürgerengagement zusammen wirken.

Sie haben mich gebeten, dieses Thema aus der Sicht der Politik zu bewerten. Um Missverständnisse zu vermeiden, sei hier klar gestellt, dass ich heute nicht mehr als Politikerin zu Ihnen spreche. Seit ich vor zweieinhalb Jahren den Bundestag verlassen habe, bin ich keine Berufspolitikerin mehr, sondern arbeite heute in einem mittelständischen Beratungsunternehmen, dessen Schwerpunkt auf Bürgerbeteiligung und anderen modernen Kommunikationsverfahren liegt. Ihr Thema ist daher weiterhin für mich von großem Interesse, diesmal aber habe ich eine andere Rolle.

Dass Politik und Ehrenamt in einer schwierigen Beziehung stehen, ist nichts Neues. Die Politiker loben das Ehrenamt und das Bürgerengagement gerne in den höchsten Tönen. Gleichzeitig fürchten sie ständig die genervte Reaktion der Gelobten, die sich wohlfeiles Lob verbitten und spürbare Unterstützung erwarten. Auch nach vielen Jahren der Diskussionen und der gegenseitigen Belauerung hat sich dieses gegenseitige Unbehagen gehalten. Der Verdruss übereinander wird auch nicht verdeckt durch die starken Worte von Dankbarkeit und Wertschätzung – seitens der Politik – sowie von Stolz und Erfüllung – seitens der Engagierten.

Darin könnte man sich ja einfach resigniert ergeben. Dass die Menschen nicht mehr viel von „der Politik“ erwarten, ist ja nicht auf das Ehrenamt beschränkt, sondern allenthalben zu greifen. Und die Politik könnte weiter ihre Lobreden am Tag des Ehrenamts singen, schöne Projekte besichtigen und ansonsten zur Tagesordnung übergehen.

Diese Gleichgültigkeit können wir uns allerdings nicht leisten. Denn sie raubt uns allen wichtiges Potential für die Gestaltung unseres Gemeinwesens. Gleichgültigkeit macht blind für die vielen Möglichkeiten, die im Engagement liegen. Sie hält einerseits die politischen Entscheidungsträger davon ab, die sozialen Systeme so zu gestalten, dass sie die Kraft des Bürgerengagements nicht nur einkalkuliert, sondern sogar aktiv fördert. Und diese Gleichgültigkeit hält andererseits das Ehrenamt in einer unterwürfigen, trotzigen Haltung, die Energie raubt statt sie zu stärken. Im schlechtesten Fall kann sie für beide Seiten dazu führen, dass sinnvolle Zusammenarbeit nicht nur nicht gesucht, sondern behindert wird.

Es gibt einen Begriff, in dem dieses Spannungsverhältnis geradezu symbolisch widergespiegelt wird: Das Ehrenamt dürfe nicht zum „Ausfallbürgen des Sozialstaats“ werden. Diese Mahnung – ich habe sie selbst als Politikerin immer wieder angebracht – ist alt, sie tritt auf seit den 70er Jahren, also auf dem Höhepunkt der sozialstaatlichen Entwicklung der Bundesrepublik. In der Folge war sie ein Schutzschild all derer, die gegen den „Sozialabbau“ kämpften.

Nun ist diese schlichte Aussage zunächst einfach nur trivial – selbstverständlich kann ich persönlich mit noch so viel gutem Willen und Engagement die professionelle Qualität einer Sozialpsychiaterin oder eines Sozialarbeiters nicht ersetzen.

Aber im Kampf mit Veränderungen der sozialstaatlichen Ordnung ging es um mehr als diese einfache Feststellung. Die Sorge, der Staat könne sich fälschlich zurück ziehen, enthielt die Unterstellung, dass jeder Abbau staatlich organisierter oder finanzierter Leistungen immer nur etwas eigentlich Unverzichtbarem galt. Diese vom Staat hinterlassene Lücke sei so groß, dass sie dann durch das Ehrenamt geschlossen werden müsse. In dieser Forderung ist die Annahme enthalten, dass die Pflicht des Staates eine feste Größe ist. Die Möglichkeit, dass neuere Entwicklungen auch den Abbau von Leistungen als sinnvollen Weg erscheinen lassen können, ist in so einer Argumentation nicht vorgesehen. Ausbau hingegen war immer möglich. Diese Haltung verschließt sich der Aufgabe, jede sozialstaatlich erbrachte Leistung immer mal wieder auf den Prüfstand zu stellen, ob sie so und in dieser Form wirklich richtig ist. Und sie ermöglicht auch keine flexible Bestimmung des Verhältnisses von Ehrenamt und professionellen Helfern,

Genau genommen enthält also diese Abwehrformel eine Wertung: Der Kern des Sozialstaats ist die wohlfahrtsstaatlich organisierte Erbringung einer Leistung für andere, das bürgerschaftliche Engagement ist demgegenüber eine Leistung minderer Qualität. Ein Gedanke, der sich auch in der Debatte um die Spannungen zwischen Ehrenamtlichen und Professionellen wieder findet.
Es ist paradox – gerade die Bürger, die doch mit Recht stolz sind auf ihre Leistung (die Ehrenamtlichen), unterwerfen sich in diesem Konflikt dem paternalistischen Sozialstaatsbild und zeigen – wenn auch bestimmt ungewollt – ein schwaches Selbstverständnis von der Qualität der Zivilgesellschaft. Ein bisschen spiegelt sich das auch wider in der Auszeichnung von Ehrenamtlichen mit staatlichen Ehrungen. Wer bewertet da wen für was? Braucht es diese Anerkennung vom stärkeren Gegenüber? Oder müsste nicht auch dafür die Zivilgesellschaf ihre eigenen Formen entwickeln?

Es gibt noch eine unerquickliche Erscheinungsform der Paradoxien in Bezug auf das Ehrenamt: In erstaunlichem und hoch ärgerlichem Kontrast zum staatlichen Hohelied auf das Bürgerengagement steht zuweilen die Klage derselben Repräsentanten staatlicher Ordnung und der sogenannten Leistungsträger der Gesellschaft über einen Zerfall des Zusammenhalts und eine kälter werdende Gesellschaft. Für die Engagierten ist das Hohn und Zynismus – wissen die Eliten, die so klagen, überhaupt, wie in diesem Land Menschen miteinander umgehen? Jedenfalls dürfte die Erfahrung solcher Verächtlichkeit durch die wohlsituierten Kulturkritiker nicht zur Entspannung der Beziehung zwischen Bürgerengagement und Politik beitragen.

Da muss man sich über das achselzuckende Abwenden durch die Ehrenamtlichen nicht wundern. Aber Gleichgültigkeit oder Resignation sind keine Option. Warum eigentlich nicht? Ganz einfach, weil wir in Zukunft das bürgerschaftliche Engagement noch viel mehr brauchen werden. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe: Der eine ist praktischer Natur: Mit dem demographischen Wandel wird der Bedarf an sozialer Zuwendung und Hilfe wachsen und dieser Bedarf wird – sowohl aus Mangel an Geld als auch aus Mangel an Arbeitskräften – in Zukunft immer schwerer ausschließlich mit den bekannten sozialstaatlichen Maßnahmen abzudecken sein. Den anderen Grund kann man auch als normatives Argument verstehen: Bürgerschaftliches Engagement ist ein Wert an sich. Es wird nicht erbracht, weil die Professionellen nicht gut genug sind oder weil es nicht genügend von ihnen gibt, sondern weil es Bedarfe gibt, die nicht ausschließlich in erwerbsmäßig organisierten Strukturen erbracht werden können und sollen. Weil es gut ist, dass ein Mensch sich mir einfach aus altruistischen Motiven zuwendet, und weil es für den Helfenden gut ist, gebraucht zu werden und etwas Sinnvolles zu tun. Hätten nicht so viele Menschen ein Bedürfnis danach, sich durch Helfen etwas Gutes zu tun – das Ehrenamt hätte die gesellschaftlichen Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte nicht so kraftvoll überlebt.

Menschen wollen helfen – aber sie wissen oft nicht wie und wo. Manchmal muss man sie stupsen oder am Ellbogen geleiten. Klaus Dörner hat mich immer sehr beeindruckt mit seinen Erzählungen, wie viel Mühe damals, bei der Auflösung der vollstationären Unterbringung der Sozialpsychiatrie, darauf verwandt wurde, die neuen Nachbarn dafür zu gewinnen, sich um den merkwürdigen Menschen in der Wohnung nebenan zu kümmern. Und ich erlebe jetzt, als Schirmherrin des Berliner Malteser Hilfsdiensts, dass die richtige Ansprache und Organisation tatsächlich viele Menschen zum Mithelfen motivieren kann, die sich das vorher nie vorstellen konnten.

Kommen wir noch einmal zum Ausgangspunkt zurück, nämlich der Beziehung zwischen Politik und bürgerschaftlichem Engagement. Ich will es noch mal betonen: Wir können uns dieses missvergnügte Verhältnis nicht länger leisten. Denn wenn wir unsere Gesellschaft auf die kommenden Herausforderungen vorbereiten wollen, dann brauchen wir alle soziale Phantasie, derer wir fähig sind. Wir brauchen politische Entscheider, die das Ehrenamt nicht nur als Ressource für die unvermeidlichen Lücken sehen, sondern es als eigenständige Kraft zu schätzen wissen. Von Seiten der Politik müssen die Engagierten als Menschen wahrgenommen werden, von denen sich viel über die Wirklichkeit lernen lässt und die vielleicht früher spüren, wo es neuen Bedarf gibt und wie sich unsere Welt neu gestalten lässt. Das würde sich lohnen: Die Engagierten als soziale Scouts zusammen mit den Professionellen danach fragen, wie sie die Welt von morgen gestalten wollen und wo sie sehen, dass sich Lebenslagen verändern und wie daraus neue Formen des sozialen Zusammenhalts entwickelt werden können.

Dafür muss sich das Ehrenamt aber aus seiner unterwürfigen Haltung gegenüber der Politik befreien. Es braucht nicht den Segen des Staates. Die Ehrenamtlichen mögen auch in Zukunft noch die Orden annehmen, aber bloß keinen Diener mehr machen, sondern das Gespräch fordern. Und sich nicht länger am Staat als Geldgeber abarbeiten – also nicht länger darüber räsonieren, wie es finanziellen Ausgleich geben könnte für die ehrenamtliche Arbeit. Es geht um darum, sinnvolle Strukturen zu schaffen, in denen das Ehrenamt seine Kraft entfalten kann. Das betrifft die Definition staatlicher Leistungen ebenso wie die Arbeitsteilung: Wie müssen Professionelle das Gerüst bauen, auf dem dann die Engagierten behände herumturnen können?

Welches Gerüst brauchen wir für die alternde Gesellschaft? Meine eigene Generation, die der Mitt-Vierziger, wird die Spitze des demographischen Wandels bilden. Wenn wir in dreißig, vierzig Jahren immer mehr Hilfe brauchen, werden immer weniger Helfer da sein. Also müssen wir die Hilfe besser und flexibler organisieren. Nicht immer werden wir dafür neue Wohnformen bauen können, wir müssen auch mit den vorhandenen Wohnungen und Häusern die Räume schaffen, wo Menschen miteinander und doch für sich sein können. Wir werden uns auf immer mehr verschiedene Lebenslagen einrichten müssen, nicht nur materiell, sondern meine Generation ist auch die erste, in der die Individualisierung sich stark durchgesetzt hat, also mit sehr unterschiedlichen Wünschen und Ansprüchen ans Leben. Das macht die Aufgabe noch größer, nicht nur hinsichtlich der Versorgungsformen, sondern vor allem muss man nach neuer Gemeinschaft und Verantwortung suchen. Damit wird die Arbeit für eine gute Versorgung beginnen müssen: Menschen fürs Helfen zu gewinnen, angefangen bei den Kindern, endend bei den rüstigen Alten, die auch noch etwas für andere tun können. Da müssen Netze geknüpft werden, die Menschen brauchen Hilfe bei den unterschiedlichsten Dingen, von der defekten Glühbirne bis zum täglichen Waschen. Aus dieser Vielfalt ergibt sich schon die Notwendigkeit, die Strukturen für die Unterstützung durchlässig und flexibel zu machen. Man braucht Menschen für unterschiedliche Aufgaben und sollte sie so einsetzen wie sie es wollen und können. Ich stelle mir daher die Verbindung zwischen Ehrenamt und professioneller Arbeit in Zukunft noch viel flexibler vor als heute, mit fließenden Übergängen.

Dies zu gestalten ist eine große Aufgabe – sie wird konkret von den Menschen in ihrer Umgebung gelöst werden müssen. Aber auch Strukturen sind dabei entscheidend und deshalb sind wir hier wieder beim Verhältnis von Politik und Ehrenamt. Sie können sich nicht achselzuckend voneinander abwenden. Sie können sich auch nicht bescheiden mit Ehrungen am Tag der Freiwilligen. Vielmehr müssen sie ihre Beziehung um die professionellen Helfer erweitern und dann in diesem Dreieck nach neuen Lösungen für die neuen Probleme suchen. Sie müssen bestimmen, welche Aufgaben sich verändern werden und wer am besten geeignet ist, sie zu übernehmen. Sie müssen nicht nur miteinander, sondern mit den Bürgern ins Gespräch kommen, damit sie erfahren, was der künftige Bedarf sein wird.

Für alle Beteiligten ist das ein anspruchsvolles Vorhaben, vor allem aber für die Politik ist das folgenreich. Sie wird nicht länger Geld in die stationäre Versorgung pumpen können, die ambulante Versorgung entspricht den Bedürfnissen vieler Menschen viel mehr. Sie wird überlegen müssen, ob immer höhere Standards für Einrichtungen wirklich die Pflege verbessern oder nur die Mauern höher machen. Sie wird sich auf neue Wohn- und Versorgungsformen einlassen müssen, die nicht in bisherige Finanzierungsmuster passen. Vielleicht muss sie sich sogar die Zäune zwischen den Sozialversicherungszweigen mal daraufhin ansehen, ob sie nicht bessere Versorgungsformen behindern. Und schließlich muss Politik begreifen, dass sie nicht über Helferarmeen gebietet, die man zu Pflegebedürftigen schicken kann, sondern dass die Versorgung von Hilfsbedürftigen ein Element der Zivilgesellschaft ist, in dem sich Individuen eigene Wege suchen.

Viel zu tun für die Politik also, wenn sie das Potential des Engagements in unserem Land ausschöpfen möchte. Das Verhältnis wird nicht in Gleichgültigkeit verharren können. Selbstbewusste Helfer sollten in den Politikern neugierige und flexible Partner finden. Keine Zeit mehr fürs Schmollen und fürs folgenlose Loben – gemeinsame Gestaltung des demographischen Wandels ist das Gebot der Stunde für ehrenamtliche und professionelle Helfer und für die Politik.