Perspektiven, Herausforderungen und Visionen für bürgerschaftliches Engagement

Vortrag 10. Fachtagung der bagfa und der Stiftung MITARBEIT in Berlin 18.10.2005

Vielen Dank für die Einladung. Wie ich erfahren habe, bezieht sich diese Einladung offenbar auch darauf, dass ich vor zehn Jahren schon beim ersten Fachtreffen der bagfa dabei war. Ich verstehe sie daher auch als Anerkennung des grünen Engagements für die stärkere Wahrnehmung und Förderung der Freiwilligen-Agenturen und des grünen Eintretens dafür, dass in der Politik der Strukturwandel des Ehrenamts zur Kenntnis genommen hat. Deshalb nehme ich gerne die Gelegenheit wahr, zehn Jahre nach der ersten bagfa-Jahrestagung hier darüber nachzudenken, wie sich die Situation inzwischen verändert hat und was die Zukunft für uns bringen könnte.

Nun ist zwar das bürgerschaftliche Engagement nach wie vor ein Thema, das mich beschäftigt – sowohl praktisch in meinem Leben als auch grundsätzlich als wichtiges gesellschaftliches Thema. Aber dennoch sind Sie, die täglich in diesem Bereich Aktiven, mir selbst nach meiner Vorbereitung für die heutige Rede um einiges voraus im Hinblick auf den aktuellen Stand der Dinge in bezug auf die Realität vor Ort und auf die theoretische Debatte. Was kann ich also heute zu Ihrer Diskussion beitragen? Ich hoffe, Sie anregen zu können – und sei es zum Widerspruch.

Es war erfreulicherweise möglich, noch mal einen Blick auf meinen Beitrag für die Jahrestagung von vor zehn Jahren zu werfen. Daran lässt sich auch ablesen, wie viel sich geändert hat. Damals war meine Hauptthese, dass sowohl Politik als auch die Organisationen, die auf ehrenamtliches Engagement setzen, zur Kenntnis nehmen sollten, wie sich die Ansprüche der Menschen verändert haben, die sich einbringen wollen. Dass die traditionellen Formen nicht mehr funktionieren und dass keinesfalls immer selbstloser Altruismus Voraussetzung fürs Engagement ist, sondern es inzwischen einen vollkommen legitimen Anspruch gebe auf Erfüllung durch Aktivität. Und dass die veränderten Ansprüche auch zu neuen Formen der Ansprache führen müsse, weil man sonst die Menschen nicht mehr erreiche.

Heute sind diese Feststellungen trivial. Sie gelten als Gemeingut und werden von vielen Organisationen ebenso beherzigt wie von der Politik. Das ist ein großer Schritt und nicht zuletzt ein Erfolg, an dem die Aktivisten der FAs einen beträchtlichen Anteil haben. Vielleicht entgeht es Ihnen in Ihrem alltäglichen Kampf ums Geld und um Anerkennung – Sie haben in den vergangenen zehn Jahren eine äußerst erfolgreiche Pionierarbeit geleistet! Darauf können Sie stolz sein und ich möchte Ihnen dazu gratulieren! Sie haben das Ehrenamt gründlich entstaubt, die traditionellen Organisationen mit dazu und sind heute ein besonders gern genutzter Vermittler und Projektträger im bunten Feld des bürgerschaftlichen Engagements. Selbst dazu, dass dieser Begriff – bürgerschaftliches Engagement - sich mittlerweile durchgesetzt hat, haben Sie vermutlich mehr beigetragen als mancher Theoretiker, der in den Feuilletons oder in politischen Festvorträgen die Bürgergesellschaft beschwor, die nun endlich geschaffen werden müsse.

Das bringt mich auf etwas aus meinem damaligen Beitrag, das sich leider nicht genug verändert hat. Damals widersprach ich kulturpessimistische Reden von der egoistischen Gesellschaft, in der die Menschen sich angeblich nicht mehr für andere einsetzen wollten. Damals war die Rede von den „Ichlingen“, ein Begriff, der inzwischen dankenswerterweise außer Gebrauch ist. Aber pessimistische Ansagen haben immer noch Konjunktur, angefangen mit all den generationskämpferischen Büchern, in denen die Horrorvision einer von Scharen von egoistischen Alten ausgebeuteten, verschwindend geringen Zahl von Jugendlichen an die Wand gemalt wird. Und es hört nicht auf bei Büchern, in denen mit beträchtlichem Furor Werte beschworen werden, um dem üblen Trip der Selbstverwirklichung entgegen zu treten. Und die deutschen Medien sehen die Lage so dramatisch, dass sie derzeit eine aufwändige Kampagne fahren, in der mir unter der Fahne „Du bist Deutschland“ überraschender weise mitgeteilt wird, dass auch ich etwas kann.

Angesichts einer steigenden Anzahl von Menschen, die sich in irgendeiner gesellschaftlichen Form engagieren oder aktiv sind, ist das Räsonnement über den Zerfall der Gesellschaft merkwürdig wirklichkeitsblind. Mehr noch, es ist gegen die eigentliche Intention der Mahner: Warum sollten sich Menschen engagieren, wenn sie doch bereits als egoistisch und selbstbezogen denunziert wurden? Für die Engagierten ist das Hohn und Zynismus – wissen die Eliten, die so klagen, überhaupt, wie in diesem Land Menschen miteinander umgehen? Man möchte schon gern wissen, in welcher Gesellschaft sich die selbsternannten Bußprediger so rumtreiben. Jedenfalls dürfte die Erfahrung solcher Verächtlichkeit durch die wohlsituierten Kulturkritiker nicht zum Blühen und Wachsen der Bürgergesellschaft beitragen.

Andererseits: Die öffentliche Debatte beeindruckt die Engagierten zum Glück doch nur gering. Deren Zahl ist, nach Aussage des 2. Freiwilligensurveys, sogar gestiegen, ebenso die Zahl derjenigen, die sich engagieren wollen. Ganz abgesehen von der beträchtlichen Zahl derjenigen, die sich einfach in ihrer Familie für andere einsetzen.

Selbstverständlich gibt es viel noch zu hebende Potentiale für das Engagement. Aber ich glaube nicht – und damit bin ich mit Ihren praktischen Erfahrungen im Einklang –, dass Noch-nicht-Aktive sich von zornigen Weckrufen an die Schaufeln oder Bettpfannen treiben lassen. Menschen brauchen eben Zeit, Ort, Gelegenheit, Unterstützung und vor allem Wertschätzung.

Ausgangspunkt meiner Überlegungen für die Zukunft des Ehrenamts sind die bekannten Fakten: bestimmend werden der demographische Wandel sowie die Veränderungen der Arbeitsgesellschaft sein. Beide Entwicklungen zusammen werden zu einem Bedeutungswandel des Ehrenamts führen.

Unsere Gesellschaft wird weniger, älter und bunter werden. Weniger Menschen werden in Deutschland leben, von denen ein größerer Teil alt und ebenso ein größerer Teil Migranten sein wird. Zugleich wird Vollbeschäftigung im alten Sinne nicht mehr möglich sein: Schon heute sinkt der Anteil der stetig und vollzeit Erwerbstätigen, ohne dass das dazu führte, dass alle gleichermaßen weniger arbeiten, sondern die Erwerbsarbeit wird weiter sehr ungleich verteilt sein. Bis hin dazu, dass es Gruppen von Menschen geben wird, die dauerhaft von Erwerbsarbeit ausgeschlossen werden oder doch nur sehr unvollkommen daran teilnehmen können. Das alles wird soziale Fragen auch auf Dauer hoch oben auf der Tagesordnung stellen.

Meine Annahmen über die Arbeitswelt sind spekulativ, die Annahmen über die demographische Entwicklung sind es nicht.

Mein Thema ist heute nicht, wie man insgesamt auf die ökonomische Entwicklung Einfluss nehmen kann. Hier geht es auch nicht um Arbeitsmarktpolitik. Sondern ich will versuchen, vor dem Hintergrund einigermaßen realistischer Annahmen zu überlegen, wie die Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements aussehen könnte.

Meine zentrale These ist, dass die große Zeit des Bürgerengagements vor uns liegt. In einer Gesellschaft mit wachsendem Bedarf an sozialen Leistungen und sinkender Fähigkeit, diese monetär zu ermöglichen, wird die Eigeninitiative eine zunehmende Bedeutung erlangen.

Mit dieser Behauptung stoße ich scharf an die entscheidende Linie im Selbstverständnis des (organisierten) Ehrenamts: Keinesfalls dürfe das bürgerschaftliche Engagement zum „Ausfallbürgen“ des Sozialstaats werden. Was anderes ist aber die von mir behauptete Notwendigkeit, bei schwindender finanzieller Leistungskraft des Staates müssten die Bürgerinnen und Bürger mehr selber tun?

Es ist richtig und notwendig, dass das Ehrenamt sich dagegen verwahrt, gegen die professionelle soziale Arbeit und die Bereitstellung von Infrastruktur durch die öffentliche Hand ausgespielt zu werden. Denn es ist wichtig, dass die besonderen Qualitäten von Professionalität und Ehrenamt zusammen kommen, nicht einander vermeintlich ersetzen. In gewisser Hinsicht ist diese schlichte Feststellung einfach nur trivial – selbstverständlich kann noch so viel guter Wille und Engagement die professionelle Qualität einer Sozialpsychiaterin oder eines Sozialarbeiters nicht ersetzen.

Wenn diese Aussage aber dennoch von allen Beteiligten immer wieder so stark betont wird, deutet das auf die Defensive hin, aus der heraus sie getroffen wird. Gerade seitens derer, die für eine Neubewertung des bürgerschaftlichen Engagements eintraten, gab es immer die Sorge, für den Sozialabbau in Dienst genommen zu werden. So berechtigt diese Sorge im einzelnen gewesen sein mag, so enthält sie doch auch die Unterstellung, dass jeder Abbau staatlich organisierter oder finanzierter Leistungen immer nur etwas eigentlich Unverzichtbarem galt. Diese vom Staat hinterlassene Lücke sei so groß, dass sie dann durch das Ehrenamt geschlossen werden müsse. In dieser Forderung ist die Annahme enthalten, dass die Pflicht des Staates eine feste Größe ist. Die Möglichkeit, dass neuere Entwicklungen auch den Abbau von Leistungen als sinnvollen Weg erscheinen lassen können, ist in so einer Argumentation nicht vorgesehen. Ausbau hingegen war immer möglich. Diese Haltung verschließt sich der Aufgabe, jede sozialstaatlich erbrachte Leistung immer mal wieder auf den Prüfstand zu stellen, ob sie so und in dieser Form wirklich richtig ist. Und sie ermöglicht auch keine flexible Bestimmung des Verhältnisses von Ehrenamt und professionellen Helfern.

Genau genommen enthält also diese Abwehrformel eine Wertung: Der Kern des Sozialstaats ist die wohlfahrtsstaatlich organisierte Erbringung einer Leistung für andere, das bürgerschaftliche Engagement ist demgegenüber eine Leistung minderer Qualität. Ein Gedanke, der sich auch in der Debatte um die Spannungen zwischen Ehrenamtlichen und Professionellen wieder findet.

Es ist paradox – gerade die Bürger, die doch mit Recht stolz sind auf ihre Leistung (die Ehrenamtlichen), unterwerfen sich in diesem Konflikt dem paternalistischen Sozialstaatsbild und zeigen – wenn auch bestimmt ungewollt – ein schwaches Selbstverständnis von der Qualität der Zivilgesellschaft.

Das Problem ist doch, dass man aus der Defensive heraus dazu neigt, den Status quo zu verteidigen, anstatt sich mutig umzuschauen, welche neuen Fragen durch veränderte Bedingungen aufgeworfen sind. Und dass man erst recht nicht die Phantasie entwickelt für neue Wege.

Machen wir uns also auf die Suche nach der neuen Rolle des bürgerschaftlichen Engagements. Und gehen wir dabei davon aus, dass dieses Engagement eben kein Residuum ist, nicht nur etwas Zusätzliches, aber eigentlich Verzichtbares. Sondern dass Freiwillige vielfältige Arbeiten machen, ohne die unsere Gesellschaft ärmer wäre, kälter, unsozialer, dreckiger, weniger nachhaltig. Und dass es zudem ein normatives Argument dafür gibt: Bürgerschaftliches Engagement ist ein Wert an sich. Es wird nicht erbracht, weil die Professionellen nicht gut genug sind oder weil es nicht genügend von ihnen gibt, sondern weil es Bedarfe gibt, die nicht ausschließlich in erwerbsmäßig organisierten Strukturen erbracht werden können und sollen. Weil es gut ist, dass ein Mensch sich anderen aus altruistischen Motiven zuwendet, und weil es für den Helfenden gut ist, gebraucht zu werden und etwas Sinnvolles zu tun. Hätten nicht so viele Menschen ein Bedürfnis danach, sich durch Helfen etwas Gutes zu tun – das Ehrenamt hätte die gesellschaftlichen Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte nicht so kraftvoll überlebt.

Nun wird es also, so meine Behauptung, in Zukunft noch mehr gebraucht. Wofür?

Beginnen wir mit dem Offenkundigen: Meine eigene Generation, die der Mitt-Vierziger, wird die Spitze des demographischen Wandels bilden. Wenn wir in dreißig, vierzig Jahren immer mehr Hilfe brauchen, werden immer weniger Helfer da sein. Also müssen wir die Hilfe besser und flexibler organisieren. Nicht immer werden wir dafür neue Wohnformen bauen können, wir müssen auch mit den vorhandenen Wohnungen und Häusern die Räume schaffen, wo Menschen miteinander und doch für sich sein können. Wir werden uns auf sehr verschiedene Lebenslagen einrichten müssen, materiell werden wir sehr unterschiedlich ausgestattet sein, aber meine „individualisierte“ Generation wird auch eine Vielzahl von Wünschen und Ansprüchen an ihr Leben im Alter haben. Es geht nicht nur um neue Versorgungsformen, sondern vor allem muss man nach neuer Gemeinschaft und Verantwortung suchen.

Damit wird die Arbeit für eine gute Versorgung beginnen müssen: Menschen fürs Helfen zu gewinnen, angefangen bei den Kindern, endend bei den rüstigen Alten, die auch noch etwas für andere tun können. Netze müssen geknüpft werden, die Menschen brauchen Hilfe bei den unterschiedlichsten Dingen, von der defekten Glühbirne bis zum täglichen Waschen. Aus dieser Vielfalt ergibt sich schon die Notwendigkeit, die Strukturen für die Unterstützung durchlässig und flexibel zu machen. Man braucht Menschen für unterschiedliche Aufgaben und sollte sie so einsetzen wie sie es wollen und können. Ich stelle mir daher die Verbindung zwischen Ehrenamt und professioneller Arbeit in Zukunft noch viel flexibler vor als heute, mit fließenden Übergängen.

Und was ist mit einer ländlichen Region, in der nur noch wenige Menschen wohnen, so dass die Entfernungen für sie immer größer werden? Wenn wir vermeiden wollen, dass Menschen wegen Versorgungsnotstands zwangsumgesiedelt werden, steht die Frage an, wie wir die Menschen noch versorgen können, auch wenn nicht mehr genügend Personal zur Verfügung steht. Dann werden Bürger lernen, wie man im Notfall Hilfe leisten kann, sie werden die alltäglichen Pflegebedürfnisse befriedigen lernen, sie werden Dienste organisieren, wie man bei den Nachbarn nach dem Rechten vorbeischaut, und das alles machen sie in enger Abstimmung mit der örtlichen Sozialstation, wo selbstverständlich Fachkräfte sein müssen, die die Freiwilligen anleiten, die sich aber auch um schwere Fälle kümmern. Vielleicht werden sie sich auch neue Formen einfallen lassen, wie es Zugang zu Gütern gibt oder wer einen mobilen Postdienst macht, weil eine Filiale sich einfach nicht mehr rentiert.

Den Kern vieler Initiativen zur Versorgung werden weiter Professionelle bilden, sie werden gebraucht wegen ihrer Qualifikation und weil sie Kontinuität und Ansprechbarkeit gewährleisten. Aber „die anderen“, die Freiwilligen, die Helfer, sie werden sich verändern. Darauf hat auch der Bewusstseinswandel, an dem die FAs ja nicht unbeträchtlich beteiligt waren, gewirkt: Qualifizierung des freiwilligen Engagements ist heute selbstverständlich. Längst soll nicht mehr der gute Willen allein ausreichen, es gibt Einführungen, Supervision, professionelle Begleitung, viele Formen der inzwischen entwickelten Anerkennungskultur weisen gerade auch die Qualifizierungen nach. Damit aber werden die Grenzen zwischen professioneller und freiwilliger Arbeit auch weniger scharf.

Und denkt man diese Entwicklung zusammen mit der zunehmend entgrenzten Erwerbsarbeit, wonach viele Menschen in unterschiedlichen Phasen ihres Lebens in verschiedenem zeitlichen Maß erwerbstätig sind, wird noch einmal deutlich, dass viele Menschen die Trennlinie vielleicht sogar mehrmals in ihrem Leben in die eine und in die andere Richtung übertreten werden. Allein die Debatte um die „rüstigen Alten“ macht das deutlich – selbst wenn in Zukunft das Renteneintrittsalter wieder deutlich höher wird, haben die künftigen Rentner auch dann noch, mit 67, Energie und Kopf, dass sie ihre Fähigkeiten zur Verfügung stellen können und wollen.

Die Perspektive ist nicht ein residualer Sozialstaat, sondern einer, der genauer hinsieht, wo Bedarf ist und der Prioritäten setzt. Das wird eine anspruchsvolle Aufgabe für die kommenden Jahre, denn soziale Fragen werden uns wieder schärfer gestellt: Die Verwerfungen der Arbeitsgesellschaft ebenso wie die alternde Gesellschaft werden neue soziale Unterschiede schaffen – die künftigen Alten werden mitnichten alle gut abgesichert sein. Die nach wie vor unbefriedigende Bildungssituation droht, durch den faktischen Ausschluss von Kindern aus der sogenannten Unterschicht neue Problemfälle auf dem Arbeitsmarkt zu produzieren. Und schon jetzt sind es die sozialen Unterschiede, die viele Kinder von guter Betreuung und den Ressourcen ausschließen, die ihnen bei einem starken Start ins Leben helfen könnten. Ein wachsender Anteil von Migranten macht Integration nicht einfacher. Der nach wie vor hohe Druck auf viele Beschäftigte im Hinblick auf zeitliche und örtliche Flexibilität zusammen mit den immer kleiner werdenden Familien wird es für viele schwieriger machen, sich um hilfsbedürftige Angehörige zu kümmern, was heute noch in großem Ausmaß geschieht.
Das wird nicht einfach, ist aber eine Situation, die man gestalten kann. Ohne Bürgerengagement wird es nicht gehen und das kommt nicht von allein. Die Aufgaben für diejenigen, die das Engagement fördern, werden daher wachsen.

Gefordert ist ein Sinn für soziale Dynamik und wechselnde Problemlagen. Dieser Sinn lässt sich schärfen, wenn Professionelle und Ehrenamtliche gemeinsam sich als Scouts verstehen, die ihre gute Kenntnis realer Problemlagen nutzen, um den Zukunftsbedarf zu analysieren. Ganz entscheidend – nicht nur für die Zukunft des Engagements, sondern vor allem für die Zukunft der Gesellschaft – wird sein, dass sozial Schwache nicht nur Objekt der Hilfe bleiben, sondern selber auch Subjekt sind. Das ist vermutlich eine der schwersten Aufgaben, weil das ganz neue Formen der Ansprache erfordert, aber – vor dem Hintergrund meiner These, dass die sozialen Fragen sich in Zukunft eher schärfer stellen – davor darf sich die Bürgergesellschaft sich nicht drücken. Eine ebenso schwierige Aufgabe ist die Öffnung des Engagement-Angebots für Migranten. Und schließlich die Gewinnung von mehr rüstigen Rentnern – es mag zwar sein, dass Unternehmen den Verlust ihrer Qualitäten verschmerzen können, die Gesellschaft kann es nicht.

Ich weiß, Sie probieren hier mit den unterschiedlichsten Projekten bereits herum. Ich kann Sie daher nur darin bestärken, hier weiter zu machen, das ist unverzichtbar.

Entnervt von den unerfreulichen Bedingungen einer Finanzierung durch öffentliche Gelder, suchen Sie auch schon seit geraumer Zeit nach neuen Finanzierungsquellen. Dazu auch einige Anmerkungen: Auch wenn manche Kommunalpolitiker meinen, das Engagement-Thema sei ein Mode-Thema gewesen und lohne ihre Aufmerksamkeit nicht länger – die liegen falsch, nicht Sie. Der Bedarf wird rasch offenkundig werden. Aber richtigerweise brauchen Sie auch andere Quellen. Wenn nur die Unternehmen nicht so widerspenstig wären!

Hier stößt man wieder an das alte Dilemma, dass eine Vermittlungsagentur per se erst mal wenig attraktiv ist, Geld fließt erst, wenn jemand sich konkret vorstellen kann, zu wessen Gunsten etwas getan wird. Für die Unternehmen ist die Schwelle hoch zum Engagement und Sie sollten sich vielleicht mehr Hilfe dabei holen, wie man die Schwelle senkt. Suchen Sie doch mal nach Fachleuten für Personalpolitik, die Sie dabei beraten können. Und eruieren Sie, was das Unternehmen will: Reputation, Personalentwicklung, Wertorientierung? So dass Sie als Berater auftreten können, die eine Lösung finden für den Bedarf des Unternehmens. Ihre bisherigen mäßigen Erfolge könnten Sie zu der Vermutung verleiten, sie könnten nicht mit Unternehmen zusammen arbeiten. Ich halte dagegen: Unternehmen haben einen großen Bedarf an Sinnstiftung durch werteorientiertes Verhalten und Sie müssen nur die richtige Rolle gegenüber den Unternehmen finden.

Das geht an das Selbstverständnis der FAs. Mit aller gebotenen Vorsicht und allem Respekt – ich sehe Sie künftig in einer stärkeren und veränderten Rolle. Eben mehr als Berater und
Organisationsentwickler, als unternehmerisch Tätige sowie als aktive Streiter für die Weiterentwicklung der Bürgergesellschaft. Dass Sie für Netze und Vermittlung stehen, ist bekannt, aber Sie dürfen nicht auf Dauer auf die Rolle des „Arbeitsamts für das Ehrenamt“ (Thomas Olk) festgelegt werden.

Vielleicht brauchen Sie dazu selber noch einen OE-Prozess, in dem Sie das Selbstverständnis der FAs unter sich wandelnden Bedingungen klären. Dazu mag auch gehören, wie sich die FAs künftig präsentieren, ob Ihr Namen noch passt und wie Sie künftig einen Markennamen etablieren können, ohne die lokale Diversität zu zerstören. Ebenso gehört dazu die Überprüfung Ihrer bisherigen Kooperationsformen und die Suche nach neuen interessanten Konstellationen.

Gemessen am harten Überlebenskampf, den viele FAs führen, mag Ihnen das zu forsch vorkommen. Ausgehend von meiner Überzeugung, dass bürgerschaftliches Engagement an Bedeutung gewinnen wird, sehe ich auch die Notwendigkeit, dass es starke, kreative und flexible Sachwalter und Förderer dieses Engagements gibt. Hier sehe ich die Freiwilligenagenturen in einer wichtigen, in einer zentralen Rolle – vielleicht in neuer Form, mit anderem Namen, mit größeren Netzen.

So wichtig das Engagement in den konkreten lokalen Projekten ist, das Ehrenamt braucht auch Sprecher, die die Perspektive der Bürgergesellschaft in die künftigen politischen Entscheidungen einbringen. Damit politische Entscheider das Ehrenamt nicht nur als Ressource für die unvermeidlichen Lücken sehen, sondern es als eigenständige Kraft zu schätzen wissen. Damit sie die Engagierten als Menschen wahrnehmen werden, von denen sich viel über die Wirklichkeit lernen lässt und die vielleicht früher spüren, wo es neuen Bedarf gibt und wie sich unsere Welt neu gestalten lässt. Das würde sich lohnen: Die Engagierten entwickeln zusammen mit den Professionellen Ideen, wie sie die Welt von morgen gestalten wollen: Sie bringen ihr Wissen ein darum, wie sich Lebenslagen verändern, welche Aufgaben entstehen (und welche auch erledigt sind) und wie neue Formen der Versorgung entwickelt werden können, die sich den sozialen Zusammenhalt sowohl zunutze machen als auch neue Formen stimulieren und entwickeln – und die Politik lässt sich davon inspirieren und beeindrucken.