Soll PID gesetzlich erlaubt werden?

Kommentar Figaro MDR 22.10.2010

Was soll man über winzige Embryonen sprechen? Die kann man ja mit dem bloßen Auge kaum sehen in dem Stadium, in dem sie jetzt zum Diskussionsgegenstand werden. Aber wir müssen drüber reden, über künstlich miteinander verschmolzene Ei- und Samenzellen, die auf Krankheiten untersucht werden, bevor man sie in eine Gebärmutter einsetzt. Präimplantationsdiagnostik heißt das Verfahren, um das es geht – klingt kompliziert und ist es tatsächlich auch, der Einfachheit halber wird sie als PID abgekürzt.

 

Eltern möchten Eltern werden, aber sie haben Sorge vor einem kranken Kind, deshalb lassen sie sich auf die PID ein. Sie haben Angst davor, dass eine genetische Veränderung in ihnen zu Krankheit ihres Kindes führen kann. Vielleicht wissen sie um diese Möglichkeit, weil sie schon ein Kind mit dieser Krankheit haben oder weil in ihrer Familie diese Krankheit vorkam. Jedenfalls wollen sie sicher sein können, dass sie keinesfalls ein Kind mit dieser Veranlagung bekommen. Deshalb lassen sie eine künstliche Befruchtung machen und lassen die dadurch gewonnenen Embryonen untersuchen, ob sie diese Veranlagung tragen. Hat er den „genetischen Defekt“, dann lassen sie den Embryo töten. Nur der „gute“ Embryo, der dieses Gen nicht trägt, wird in die Mutter eingepflanzt.

 

Seit 30 Jahren gibt es diverse Möglichkeiten, Geburten medizinisch herbeizuführen, die auf natürlichem Weg nicht zustande kommen. Vieles davon ist segensreich und hat schon viele Kinder zum Leben gebracht.

 

Bei der PID geht es aber genau darum nicht. Sondern hier geht es darum, nur bestimmte Kinder auf die Welt zu bringen und andere, die schwer krank sind, nicht. So gut wir verstehen, dass Eltern fürchten, dass ihr Kind sehr krank werden kann – es ist aber nicht richtig, dass das ein Grund ist, dass das Kind gar nicht erst zur Welt kommt.

 

Die Eltern haben Angst vor den Zumutungen eines schwer behinderten Lebens. Aber: Das Kind wird gar nicht erfahren und erst recht nicht entscheiden können, ob ihm diese Zumutungen zu schwer sind. Denn die Eltern haben schon entschieden, dass es nicht existieren darf.

 

Bei der PID werden schwere Erkrankungen aufgespürt. Aber die Maßstäbe für eine „schwere Erkrankung“ werden immer niedriger werden. So, wie es heute fast die Regel ist, dass Frauen dann eine Schwangerschaft abbrechen, wenn ihr Kind das Down-Syndrom haben wird. So werden auch, je einfacher die Durchführung einer PID werden wird, umso öfter Eltern darum bitten, das Verfahren einzusetzen, um eine leichte Behinderung zu verhindern, sogar um nur zu verhindern, dass das Kind eine Veranlagung für Krebs hat.

 

Statt immer mehr Technik einzusetzen, um Leben mit Behinderung zu vermeiden, sollten wir Eltern ermutigen, ein Kind mit Behinderung anzunehmen, und sie dabei unterstützen. Das Leben mit Behinderung ist nicht schlechter und nicht besser als ein vollkommen gesundes Leben. Aber unser aller Leben wird ärmer, wenn wir behindertes Leben zu vermeiden suchen. Wir alle wollen in einer Gesellschaft leben, die offen mit Verschiedenheit umgeht und sie für eine Bereicherung hält. Und: Jeder Mensch hat ein Recht zu leben – aber niemand hat ein Recht zu entscheiden, dass sein Leben es nicht wert ist gelebt zu werden.