Abw�gung von Lust und selbstbestimmtem Risiko

Pr�vention zwischen Anspruch und Machbarkeit

Als Prävention werden in der Regel vorbeugende Maßnahmen bezeichnet, um ein unerwünschtes Ereignis oder die unerwünschte Entwicklung eines Problems vorausschauend zu vermeiden. Prävention wie sie in diesem einführenden Artikel von der Autorin verstanden wird, beschreibt das Dilemma zwischen selbst gewünschtem Verhalten und notwendiger Verhaltensänderung. In diesem Zusammenhang bedeutet Selbstbestimmung auch, die Freiheit zu haben, Risiken einzugehen und die Betonung der Grenzen der Prävention wird als konstitutive Bedingung für eine emanzipatorische  Präventionspolitik verstanden. Das Fazit: Weil die Solidarität unseres Sozialstaats voraussetzungslos ist, haben Menschen auch dann einen Anspruch auf Unterstützung, wenn das Risiko trotz aller Präventionsbemühungen eintritt.

 

In den vergangenen Jahren ist Prävention allenthalben zu einem wünschenswerten Vorgehen geworden, vorbei die Zeiten, da es noch erforderlich war, den besonderen Wert und Nutzen von Bemühungen zur Prävention zu erklären.

Inzwischen ist der Wille allgegenwärtig, durch geeignete Maßnahmen Menschen zu befähigen, gar nicht erst krank zu werden, nicht in Gefahr zu geraten, nicht auf medizinische oder therapeutische Hilfe angewiesen zu sein. Was nicht heißt, dass dafür immer alle notwendige Unterstützung gegeben wird. Denn dem Bewusstsein für den Sinn und die Leistungsfähigkeit von Prävention in verschiedenen Lebensbereichen entspricht nicht immer die Finanzierung von Angeboten und Projekten – am Ende siegt in der politischen Entscheidung immer noch die Befriedigung unmittelbarer Problemlösungserfordernisse.

 

Das vorliegende Heft zeigt eine Vielfalt von positiven Beispielen für präventive Projekte. Dabei ist Prävention längst über die ursprünglich eng auf Schutz begrenzten Maßnahmen (Pille, Kondom) hinausgewachsen und richtet sich auf eine umfassende Aufklärung, die zum Beispiel zu einem kritischen Umgang mit Medien befähigt oder auf eine Stärkung der eigenen Ressourcen und des Selbstbewusstseins gerichtet ist, um Kinder für die Abwehr unerwünschter sexueller Annäherung zu stützen.

 

Aber: Je mehr Prävention als Möglichkeit, die Wahrscheinlichkeit des Eintritts eines Ereignisses zu beeinflussen, in den Köpfen verankert ist, umso mehr besteht die Gefahr, dass es zu Schuldzuschreibungen kommt, wenn das Ereignis doch eintritt. Schließlich, wenn es doch Möglichkeiten gibt, die Ansteckung mit einer sexuell übertragbaren Krankheit zu verhindern, den Übergriff eines Erwachsenen abzuwehren, nicht schwanger zu werden – ist dann nicht der- oder diejenige, die doch betroffen ist, selber schuld? Hat er oder sie dann noch Anspruch auf Hilfe?

 

Bislang ist das Verursacherprinzip noch nicht wirkmächtig in der Sozialpolitik, aber die Diskussion um Eigenverantwortung zeigt die Gefahren auf. Mit dem Begriff ist oft nicht der positive Bezug auf Freiheit verbunden, sondern immer öfter die Forderung, selber für die Folgekosten eines Verhaltens auch aufkommen zu müssen. Damit wird Individualisierung zum Gegenentwurf zur sozialen Verantwortung der Gesellschaft. Warum sollen wir alle noch Hilfen für betroffene  Menschen bereitstellen, wenn sie doch etwas hätte tun können gegen die Gefahr? Einen Vorgeschmack darauf bieten die immer wiederkehrenden Diskussionen in der Gesundheitspolitik, dass Menschen mit riskantem Lebensstil (Rauchen, Trinken etc.) auch höhere Beiträge zur Krankenversicherung leisten sollten. Gerade die gewachsene Akzeptanz von Prävention fordert ihre Akteure auf, sorgsam auf die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit hinzuweisen, um den Kurzschluss abzuwehren, dass jeder selber für seine Probleme verantwortlich ist.

 

„Prävention wird nicht alle Menschen zu vernünftigem Verhalten bewegen können“

 

Überdies muss sich jede Präventionsstrategie dem Dilemma stellen, wie zwischen dem selbst gewünschten Verhalten und notwendiger Verhaltensänderung entschieden wird und wer das tut. Denn viele Präventionsmaßnahmen zielen darauf, dem tatsächlichen Agieren aus Lust und Neigung ein „vernünftigeres“ Verhalten entgegenzusetzen. Die unmittelbare und nahe liegende Antwort auf den inhärenten Konflikt zwischen Wunsch und angestrebten Verhalten ist, darauf hinzuweisen, dass mit einer Verhaltensänderung auch Genuss verbunden sein kann, und wenn das nicht, dass es eines geringfügigen Aufwands bedarf. Gleichwohl, bei aller Klugheit, die viele Präventionsprojekte bei diesen Überzeugungsversuchen inzwischen zeigen, sie werden nicht alle gefährdeten Menschen zu einem umfassenden vernünftigen Verhalten bewegen können (und Zwang scheidet ohnehin aus).

 

Gerade sexuelle Präventionsprojekte müssen darum das „kritische Bündnis mit der Lust“ (Stefan Etgeton) suchen. Ihr Ziel muss daher sein, den Menschen zu befähigen, sich der Risiken bewusst zu sein, die er mit einem bestimmten Verhalten eingeht und sich bewusst entscheiden zu können, was er in der Abwägung von Lust und Risiko vorzieht. Selbstbestimmung heißt hier, dass Menschen weiterhin die Freiheit haben, Risiken einzugehen, aber sie sollen darum wissen, welche Gefahren damit für sie verbunden sind und auch, welchen Schutz sie um welchen Preis haben können. Damit ist für die Gesellschaft nicht das Recht verbunden, für ihre Bemühungen ein „richtiges“ Verhalten einzufordern.

 

„Präventionsprojekte müssen Selbstbestimmung über Verhaltenssteuerung stellen“

 

Deshalb ist die Betonung der Grenzen der Prävention eine konstitutive Bedingung für emanzipatorische Präventionspolitik. Sie verwahrt sich gegen monströse Überschätzungen ihrer Möglichkeiten und leistet damit präventiven Widerstand gegen falsche Erwartungen, dass die gesellschaftliche Unterstützung für Präventionspolitik einen Erfolg verlangen kann im Sinne von einem risikofreien Verhalten. Menschen leben mit Widersprüchen, sie verfolgen Lüste und Wünsche an ein „gutes Leben“, das nicht immer ein gefahrloses Leben ist. Präventionsprojekte müssen Selbstbestimmung im Zweifelsfall über Verhaltenssteuerung stellen. Denn nur so werden die Freiheitsrechte der Menschen gewahrt. Damit verbunden muss auch eine aktive Einmischung seitens der in der Prävention Tätigen sein: In unserer Gesellschaft haben Menschen auch dann einen Anspruch auf Unterstützung, wenn das Risiko trotz aller Präventionsbemühungen eintritt, denn die Solidarität unseres Sozialstaats ist voraussetzungslos.

 

„Bescheidene Präventionspolitik ist vorausschauende Gegenwehr gegen eine entsolidarisierte Gesellschaft“

 

Gerade die Karriere des Begriffs der Eigenverantwortung verlangt diese politische Verortung der Anbieter von Prävention. So erfreulich die gewonnene Akzeptanz und das Vertrauen in die Prävention ist - sie müssen sich immer bewusst sein, dass es eine Bereitschaft und auch Neigung zur individuellen Schuldzuweisung bei riskantem Verhalten gibt, die zum Vorwand für einen Entzug der Solidarität werden kann. Dass Prävention nicht alles kann, was man ihr als Aufgabe zuweisen möchte, können die Akteure der Prävention aufgrund ihrer Erfahrung und ihres Wissens immer wieder bestätigen. Dies – auch öffentlich – zu betonen, ist nicht nur eine Frage der Redlichkeit, es ist auch eine notwendige Voraussetzung für einen respektvollen Umgang mit den Zielgruppen. Aber vor allem ist eine in diesem Sinne bescheidene Präventionspolitik auch selbst wieder eine vorausschauende Gegenwehr gegen eine entsolidarisierte Gesellschaft: Jeder Mensch sollte befähigt werden, sich vor Problemen oder Krankheiten zu schützen, aber beim Eintritt des Risikos hat er ein Recht darauf, dass ihm geholfen wird.

 

Andrea Fischer arbeitet als selbständige Beraterin für Unternehmen der Gesundheitswirtschaft sowie als Vortragende und Publizistin zu Themen der Gesundheitspolitik und -wirtschaft. Sie war Partnerin in der europäischen Kommunikationsberatung Pleon und Mitglied der Geschäftsführung des IFOK-Instituts Bensheim. In den Jahren 1998 bis 2001 war sie Bundesministerin für Gesundheit, von 94 bis 02 Mitglied des Deutschen Bundestags. Davor wissenschaftliche Mitarbeiterin im Europaparlament, im Wissenschaftszentrum Berlin und bei der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte. Studium der Volkswirtschaftslehre an der Freien