Laudatio Verleihung Bettelstab
Dortmund 3.10.2009

Wenn wir an einen Bettelstab denken, dann haben wir die Assoziation von einem gebeugtem Menschen, der sich an einem solchen Stab festhalten muss, einem Menschen, der damit einen unauffälligen, einen nicht störenden, einen leisen Weg sucht, Hilfe und Zuwendung zu finden. Also wir haben ein Bild vor Augen, das Schwäche, Bedürftigkeit symbolisiert, und zu diesem Bild gehört, dass - wenn alles gut geht – sich jemand schießlich über diesen Schwachen beugt und gibt ihm etwas von sich, das er geben mag, was nicht unbedingt das sein muss, wessen der Arme bedarf – alles in Allem kein Bild, das wir mögen. Irgendwie traurig, wenig ermutigend. Schon gar kein Anlass zum Feiern.

Aber heute abend ist es ganz anders: Wir haben allen Anlass zur Freude, dass der Verein Arche mit dem Bettelstab ausgezeichnet wird – mit einer Auszeichung, die Hilfe ganz anders versteht und deshalb so gut zu einem Projekt passt, das so gar nicht in der Rolle des unterwürfigen Bedürftigen verharrt. Denn mit dem Bettelstab wird eben kein Projekt der Schwachen ausgezeichnet, sondern eine Aktivität von selbstbewussten Menschen, die damit zeigen, wie stark sie sind.

Und so versteht sich der Preis “Bettelstab” auch als das genaue Gegenteil von herablassender Hilfe. Der Bettelstab will eine Brücke bauen, dass das Projekt stärker wird – durch Aufmerksamkeit, durch Bekanntheit, durch finanzielle Hilfen.

Das ist eng miteinander verbunden, denn schließlich bekommen die Preisträger – der Arche e.V. – nicht einfach bloß einen Scheck über das Preisgeld, sondern der größte Teil wird gesammelt, indem das Projekt den Dortmundern vorgestellt wird und um deren Unterstützung geworben wird. Dafür wird informiert und argumentiert, viele Dortmunder dürften in den vergangenen Monaten zum ersten Mal von der Arbeit von Arche eV gehört haben.

Das alles ist Lichtjahre entfernt vom bekannten Bild des Bettlers, der zusammengesunken am Boden sitzt und demütig und unterwürfig den potentiellen Spender anblickt.

Bevor wir also reden davon, warum der Arche eV den Preis verdient, reden wir davon, dass der Bettelstab in einem guten christlichen Sinne eine Aktion der tätigen Nächstenliebe ist: Weil wir die Menschen lieben, wollen wir uns um sie sorgen. Und unsere Sorge besteht darin, Menschen zu unterstützen dabei, selber aktiv zu sein und damit ihren Platz im Leben erringen und sichern zu können.

Arche eV hat sich schon lange, seit rund 25 Jahren, einen Platz erkämpft im Dortmunder Leben. Im Verein haben Menschen sich einen Ort für die Begegnung und Unterstützung von Menschen mit Behinderungen geschaffen, einen Ort, an dem sie Würde und Anerkennung erfahren, an dem sie durch eigene Tätigkeit für ihren Lebensunterhalt arbeiten können, ein Ort, an dem sie sein können, wie sie sind: Menschen mit umfassenden Fähigkeiten und Neigungen.

Der große Wert des Orts Arche besteht darin, dass dort ihre Möglichkeiten geschätzt und genutzt werden und an dem die Frage genau nicht ist, was sie nicht können. Das haben die Menschen im Projekt Arche in Selbsthilfe getan, sie haben nicht gewartet und gehofft, dass jemand ihnen die Sorge abnimmt. Damit haben die Mitglieder von Arche die Rolle als Objekt der Betreuung verlassen, sie haben ihr Schicksal in die eigenen Hände genommen.

Durch die Verleihung des Bettelstabes wurde der Verein Arche in das Licht der Öffentlichkeit gehoben – das ist mit Recht ein wichtiger Bestandteil des Preises. Zunächst soll damit erreicht werden, Menschen anzusprechen, die dem Preisträger vielleicht eine finanzielle Unterstützung geben werden. Aber es geht ja um viel mehr: Ein helles Licht soll fallen auf ein Projekt, mit dem Menschen sich aus eigener Kraft und in tätiger Zusammenarbeit selber helfen und damit ein Beispiel geben.

Damit weist der Bettelstab hinaus über Hilfe im engen, herkömlichen Sinne, er weist den Weg, wo die Zukunft der Solidarität liegt. Denn es geht darum, nicht zu warten, bis sich ein wohlwollender Mensch herabbeugt. Sondern darum, dass Menschen selber entscheiden, was sie brauchen, dass sie selber aktiv werden, sich die Hilfe auf eine Weise zu organisieren, wie sie sie brauchen. Der Bettelstab ist eine Stärkung – damit Menschen in Freiheit ihre Bedürfnisse befriedigen können.

Ein Projekt wie der Arche eV ist in dem Sinne sozial, dass es wirklich nur um die gegenseitige Hilfe geht, nicht darum, Gewinne zu machen. Aber Arche gibt uns auch einen Hinweis auf das Soziale in unserer Gesellschaft: Wir wollen einander stützen bei Aktivität, wir wollen, dass Menschen in Selbstbestimmung leben, wir schauen genau hin, was hilft, ohne Initiative abzuwürgen.

Natürlich wurde Arche nicht als Beispiel für uns alle gegründet. Arche wurde gegründet, weil Menschen anders keine Möglichkeit sahen, ihrem Anspruch auf Erwerbsarbeit in unserer Gesellschaft nachzugehen. Offenbar haben sie das Richtige gemacht, denn Arche kann viel – die Mitarbeiter arbeiten seit vielen Jahren für Unternehmen, die ihre Arbeit entlohnen. Sie arbeiten für Kunden, die die Leistungen von Arche brauchen – in der Fertigung, wo Arche im Auftrag von Unternehmen arbeitet, in der  Druckerei, in der sie für Privatpersonen ebenso wie für Unternehmen arbeiten.

Vom Lohn organisiert Arche zudem die gegenseitige Stärkung: ein Teil des Lohns ist dafür vorgesehen, diejenigen unter ihnen zu unterstützen, die nicht so viel arbeiten konnten, weil es ihnen vielleicht mal nicht so gut ging. Damit zeigen die Mitglieder von Arche, was sie unter gerechtem Lohn verstehen: eben nicht nur das Entgelt für Leistung, sondern auch die notwendige Bedingung für den Lebensunterhalt.

Ein Projekt wie der Arche eV füllt eine Leerstelle aus, die die Modernisierung der Wirtschaft in den vergangenen Jahren immer öfter gelassen hat: Betriebe wurden zielgerichtet organisatorisch neu ausgerichtet, man hat keine kleinen Lücken mehr erlaubt für diejenigen, die nicht so rasch und so kontinuierlich produktiv arbeiten können, keine Orte mehr, an denen jemand eingesetzt wird, der länger für eine Arbeit braucht. Arche hat demgegenüber Plätze für eine Vielzahl von Menschen geschaffen, die eingeschränkt fähig sind zur Erwerbsarbeit – und siehe da, auch solche Arbeit kann den Erwerb sichern, sie wird gebraucht und bezahlt.

Was für eine ermutigende Erfolgsgeschichte! Und ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als der Verein Arche mit dem Bettelstab endlich öffentliche Anerkennung und auch Unterstützung erfährt, kommt das schöne Beispiel an seine ökonomischen Grenzen. Denn mit Zuliefererbetrieben der  Autoindustrie hat Arche Unternehmen als Auftraggeber, die besonders hart von der Krise betroffen werden.

So wird Arche vermutlich einen Teil des Preisgeldes einsetzen müssen, ihren Betrieb und ihre Unterstützung für die Projektmitarbeiter weiter zu finanzieren. Und es nicht wie geplant dafür nutzen können zu investieren in neue, größere Räume, um besser arbeiten zu können. Wollen wir hoffen, dass das Preisgeld nicht komplett aufgefressen wird von der Nothilfe, sondern noch Luft lasst für ursprünglich vorgesehene Zukunftssicherung.

Dieses Zusammentreffen von Preisverleihung und akuter Not für das Projekt Arche macht mich nachdenklich. Offenbar spricht das Evangelium, das wir heute gehört haben, doch zurecht davon, dass wir uns nicht um das Morgen sorgen sollen. Für Gottes Kinder wird gesorgt.

In seiner Predigt hat Pater Modenbach heute davon gesprochen: Für jeden Christenmenschen ist das schöne Bild von den Lilien auf dem Felde, die von alleine wachsen, für die gesorgt wird, eine Provokation. Schließlich können wir uns nicht einfach im Winde wiegen und darauf vertrauen, dass der Herrgott es schon richten wird. So einen schlichten Glauben haben wir nicht mehr – und überdies vermeinen wir über genug Erfahrung zu verfügen, dass eben nicht alles gut wird.

Und doch weckt das Bild von den Lilien auf dem Feld Zuversicht: Selbstverständlich müssen wir selber dafür Sorge tragen, unser Leben zu richten und zu gestalten. Aber wir können es immer im Vertrauen darauf tun, dass Gott an unserer Seite ist und das Leben lenken wird. Dieses Vertrauen macht mich zuversichtlich. Und die Lilien sind ein schönes Bild für das Vertrauen auf Gott, in dem ich mich wiege. 

Aber Vertrauen auf Gott verlangt auch, dass wir seinen Auftrag annehmen: den Auftrag, dass wir Sorge um unsere Nächsten tragen. Unsere Idee von einem guten Leben schließt immer ein, dass es auch für die anderen gut ist. Glück findt man nicht individuell. Das ist nicht nur eine Pflicht: Die Liebe zu unseren Nächsten macht unser Leben reicher.

Es war die Liebe vieler Menschen für ihre Nächsten, die – unter dem schützenden Dach des Katholischen Forums – eine breite Unterstützung für Arche eV  hervorgerufen hat. Unter dem Zeichen des Bettelstabs haben viele Menschen im Forum den Preisträger bekannt gemacht, sie haben öffentliche Sammelaktionen, den Kunstkalender organisiert und viele Menschen in Dortmund haben gerne etwas dafür gegeben, dass der Verein Arche auch in Zukunft seinen Mitgliedern ein Auskommen und ein gutes Leben sichern kann.

Der Verein Arche ist etwas Besonderes, Herausragendes in den sozialen Aktivitäten in Dortmund, ein leuchtendes Beispiel für selbstbestimmtes und engagiertes Leben. Der Bettelstab-Preis ist dazu gerade kongenial – er regt Menschen dazu an, das Engagement anderer zu stützen und zu würdigen.

Diese schöne Verbindung feiern wir heute abend. Dortmund darf stolz sein auf Menschen, die aus ihrer Behinderung eine Stärke machen und auf die Bürgerinnen und Bürger, die das unterstützen. Und ich bin sicher, dass der Bettelstab dem Verein Arche dabei helfen wird, seine Zukunft zu sichern. In diesem Sinne: Glückauf!