Debatte: Leitlinien gegen Missbrauch?

Na also, geht doch. Die katholische Kirche hat ihre Leitlinien für den Umgang der Menschen in ihrem Verantwortungsbereich so überarbeitet, dass die Aufklärung und später denn die Verfolgung von Übergriffen konsequent rechtsstaatlich betrieben werden müssen. Zusätzlich kann ein kirchliches Verfahren eingeleitet werden, nicht aber als Ersatz für Ermittlungen der Staatsanwaltschaft.

 

Der Grund für diese eindeutigen Bestimmungen ist bitter. Nach 30 Jahren haben Opfer endlich gesprochen und damit auch weitere ermutigt, endlich darüber zu reden. Die Untersuchung dieser Anklagen hat ergeben, dass damals verantwortliche Kirchenvertreter, so sie denn überhaupt davon wussten, nichts unternommen haben, die Vorfälle aufzuklären und einer rechtlichen Verfolgung zuzuführen. Noch schlimmer, sie haben nicht darauf geachtet, dass die Täter nicht wieder in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen eingesetzt wurden. So konnten einige auch weiteren Kindern zu nahe treten.

 

Die Leitlinien, die in monatelanger Arbeit mit Fachleuten entstanden, sprechen eine deutliche Sprache: ist ein Vorwurf plausibel, muss er an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet werden, die angeschuldigten Täter dürfen nicht wieder Kinder in ihrem Tätigkeitsbereich haben.

 

Das könnte man für selbstverständlich halten, aber im Verantwortungsbereich der Kirche war es das nicht. Die Versäumnisse bei der Verfolgung der Täter hatten ihre Gründe darin, dass die Kirche sich wie ein überfürsorglicher Arbeitgeber verhielt und ihre Mitarbeiter schützte, daraus folgte, dass die Kinder nicht vor künftigen Taten von Pädophilen bewahrt wurden. Auch wenn man in Rechnung stellt, dass vor Jahrzehnten das Bewusstsein für die Schäden durch sexuellen Missbrauch weniger entwickelt war als heute, sind die Versäumnisse bei Strafverfolgung und Schutz schändlich.

 

Damit soll jetzt Schluss sein und das ist gut und überfällig. Von einer Meldung an die Staatsanwaltschaft kann nur abgesehen werden, wenn das Opfer es so wünscht, das muss dann sorgfältig dokumentiert werden (diese Ausnahme ist berechtigt, denn viele Opfer fürchten die Öffentlichkeit, die jede staatsanwaltschaftliche Ermittlung bedeutet). In jeder Diözese sollen Ansprechpartner für Opfer oder deren Eltern installiert werden, die nicht in der Leitung der Diözese sind, Außenstehende also. Das wird viele Diözesen zu einer Veränderung zwingen, auch das Erzbistum Berlin.

 

Die neuen Leitlinien stellen ein für allemal klar, dass der staatlichen Justiz die zentrale Rolle bei der Verfolgung von Taten sexuellen Missbrauchs zukommt. Das war überfällig und ist sicher auch eine vertrauensbildende Maßnahme. Mit unabhängigen Beauftragten für die Aufnahme von Beschwerden und einem fairen Verfahren durch unabhängige Justiz  sind zentrale Voraussetzung dafür geschaffen, dass Opfer – wenn sie denn endlich sprechen können – darauf hoffen dürfen, dass ihnen Gerechtigkeit und den Tätern eine Verfolgung widerfährt. Damit wird noch kein Übergriff verhindert. Dafür muss Weiteres geschehen – ein Bewusstsein unter allen Mitarbeitern entwickelt werden, deren Ausbildung verbessert werden, damit sie für versteckte Anzeichen von Opfern wahrnehmen und wissen, wie darüber mit Kindern zu sprechen ist. Diese Präventionsaufgabe bleibt ständig. Nicht nur für kirchliche Mitarbeiter, sondern für alle, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Auch staatliche Berliner Schulen oder all die vielen Sportvereine sind längst noch nicht gerüstet, dass sie den ihnen anvertrauten Kindern auch wirklich helfen können. Dass die katholischen Einrichtungen derzeit im Mittelpunkt des Interesses stehen, sollte nicht übersehen lassen, dass Kinder an vielen anderen Orten gefährdet sind.